Trotzdem hat so ein Dorf im Westen seine eigene Magie, besonders in der Zeit der Kartoffelernte. Man wacht auf von einem nicht allzu heißen, aber blendenden Sonnenstrahl, der durch die reifen, schweren gelben Pflaumen am sauberen Fenster dringt und sich deinen Augen nähert wie ein Zeiger zu einer markierten Zahl. Nur dass statt eines Weckers ein Lichtsignal für schläfrige Augen dient, das man nicht mit einem Knopfdruck abstellen kann. Und obwohl heute Sonntag ist und man sich so lange wie gewünscht erotischen Träumen hingeben könnte, nichts zu machen, der Akt des Erwachens hat stattgefunden.
Allerdings fand der Akt des Erwachens schon vor fünf Jahren statt. Als ich in die siebte Klasse kam, schickte mich meine Mutter durch Bekannte in eine Akrobatik-Sektion. Um mich von Maupassant und Boccaccio loszureißen, die ich heimlich mit der Taschenlampe unter der Decke las. Eine kluge Tante riet ihr, meine früh erwachte Sexualität in körperliche Übungen zu lenken.
Ach, was für eine öde Sache: endlose Wiederholungen von Flickflacks, Rondats und anderen Elementen, die im Leben so unnötig sind. Ich begann zu schwänzen, rannte stattdessen ins Kino. Erinnere mich an Zeffirellis „Romeo und Julia“, ein süßer Film, tränenreich. Zehn Mal gesehen, zuerst heimlich eine Träne wegwischend, dann mitleidig die schluchzenden Zuschauer betrachtend.
Aber immer wartete ich ungeduldig auf die Bett-Szene, wisst ihr, bei Sonnenaufgang, als Whiting eilig nach Mantua reiten musste. „Das war die Lerche…“ Romeo, Olivia Hussey umarmend, lag nackt auf dem Bauch, und die Kamera glitt verzückt von der glatten Rückenpartie zu den Pobacken, bedeckt mit weichem Flaum, dann träge eintauchend in die Kurven seiner schlanken Beine. Ich weiß nicht, in wen ich mehr verliebt war: in Romeo, in Julia oder in ihre Liebe, aber diese Szene erregte mich jedes Mal.
Hier und jetzt zwitschert draußen etwas Gefiedertes einladend, wahrscheinlich eine Lerche. Und neben mir schnauft ein potenzieller Romeo, also mein Kommilitone Matteo, der fast die ganze schwere Watte-Decke an sich gerissen hat. Er liegt mit der Nase zur Wand, zeigt mir ein zerzaustes Bündel strohblonder Haare und eine Schulter im verschwitzten Unterhemd. Wonne durchflutet den ganzen Körper bei dem Gedanken, dass ich jederzeit berühren, ja mich anschmiegen könnte, all die Wärme seines schlafenden Leibes spürend.
Aus der Akrobatik warfen sie mich wegen Schwänzens raus, und um die Mutter nicht zu enttäuschen, bat ich sofort um Aufnahme in die benachbarte Sektion für klassisches Ringen. Antike Autoren las ich damals noch nicht, zog mich aber intuitiv zur Klassik hin. Dort freundete ich mich schnell mit einem Jungen an, Name vergessen, er trainierte schon ein Jahr und trug ein echtes Ringer-Trikot.
Bald schleppte ich ihn zu „Romeo und Julia“ mit, aber er zappelte rum und weinte aus irgendeinem Grund nicht. Ich war enttäuscht, doch sonst gefiel er mir. Offenes Gesicht mit kleinem Näschen, hell aschblonde kurze Haare, so schlank wie ich. Wegen gleicher Gewichtsklasse stellte uns der Trainer meist als Paar zusammen.
Einmal gab’s eine Übung: Ich sollte mich bücken, den Körper des Partners irgendwie auf Schulter oder Rücken nehmen. Dabei eine Hand um seinen Nacken, die andere unter den Schritt. Weiter im Kreis rennen. Meine rechte Hand machte statt des Griffs eine gleitende Bewegung über die Trikot-Zwischenzone, dann spannte ich mich an und hob ihn ruckartig hoch. Schwer, aber angenehm.
Dann befahl der Trainer, zu wechseln. Und da fiel mir entsetzt ein, dass ich statt Spezial-Trikot normales Unterhemd und Shorts trug, darunter elastische Badehose. Ich schämte mich meiner plebejischen Uniform und stellte mir vor, wie seine Hand in meinen zerknitterten Shorts rumfummelt. Aber der Junge bückte sich blitzschnell, lud mich geschickt auf und raste im Kreis, sodass ich vor Angst, fallen gelassen zu werden, ins Schwitzen kam.
In der Umkleide gab’s Duschen, aber ich zog mich meist um und rannte weg, duschte zu Hause. Nicht dass ich’s eilig hatte, mir war’s nur peinlich, nackt neben den Älteren zu stehen, die vor einander mit Muskeln spielten, fluchten und mit ihren Abenteuern bei „Weibern“ prahlten. Ich fürchtete, sie stoßen mich auf dem rutschigen Boden oder, was noch schlimmer, lachen über meinen nicht sehr athletischen Körper, oder, am allerschlimmsten, es steht mir plötzlich einer…
An jenem Tag kamen wir als Letzte in die Umkleide, die anderen gingen schon. Er zog sich schnell aus und ging duschen, rief mich. Ich wehrte ab, hab ja nicht mal ein Handtuch mit, mach ich zu Hause.
—Verdammt, sogar den Rücken reiben kann mir keiner, sagte er klagend, dann lebhaft, als hätte er’s gefunden, fügte er hinzu: Und mein Handtuch ist riesig, flauschig, reicht für zwei.
Matteo rührte sich im Schlaf und warf ein Bein über mich. Seine Beine sind muskulös, gebräunt und haarlos, wie bei jenem Jungen. Nur Schultern viel breiter, bei schmalen Hüften schien mir sein Oberkörper ideal, obwohl er keinen Sport trieb und Uni-Sport ignorierte, wie alle.
Den Kommilitoninnen gefiel er, obwohl er nie Vorlieben zeigte. Interessant, ob er schon fickt? Vor der Kartoffelzeit redeten wir nie eng, er aus einer anderen Gruppe. Im Studienjahr quatschten wir ein paar Mal in der Raucherecke über Vorlesungen, Dozenten, nichts Besonderes.
Hier quartierten sie uns zufällig zusammen. Kam zum Dorfrat, wohin uns der Bus aus der Stadt brachte und wo sie uns auf Hütten verteilten, die Oma Gerda und sagte einfach:
—Na, ich nehm die zwei hübschen Burschen.
—Und warum keine Mädels?, fragte der Brigadier lachend.
—Letztes Jahr hatt ich schon welche, reicht. Die Jungs kamen ständig rüber, klopften bis in die Nacht an die Türen, sie lächelte verschmitzt. Burschen sind ruhiger. Und die Mädels nimmst du, Nikolaus, zu dir. Lass meine Burschen zu deinen zu Besuch kommen.
So landeten Matteo und ich in Gerdas Hütte. Die Oma bereitete für uns den „Salon“ vor, selbst wohnte sie im Schlafzimmer.
—Spitzenvorhänge, zeigte die Oma gleich auf die weißen Gardinen, aber wischt euch nicht die Hände dran ab.
—Gut, Oma, sagte Matteo sanft, freudig den Blick zum Fernseher wendend, und der Fernseher funktioniert?
—Aber klar! Alles wie in der Stadt. Gerda lächelte selbstzufrieden mit ihrem lückenhaften Mund. Schaut, Jungs, verbrennt nur nichts. Und mit Zigaretten raus in den Hof oder die Diele. Sonst ist alles für euch, wird nicht schlecht!
Matteo schielte schräg zum bescheidenen Sofa:
—Und wo schlafen?
—Gleich mach ich das Bett, und sie klappte geschickt das Sofa-Bett auseinander, breitete saubere Bettwäsche aus und gab eine, wenn auch große, Watte-Decke.
—Wenigstens zwei Kissen, flüsterte Matteo ratlos, sich zu mir drehend.
Ach, naive westliche Dorf! Zwei Achtzehnjährige unter eine Decke legen! Ganz normal. Na ja, sie hatte keine extra Decken.
—Waschbecken unter dem Apfelbaum, und zur Sauna geht’s Sonntag schon, habt ihr die beim Klub gesehen?, sprudelte Gerda raus, zwinkerte und sprang mit Eimer raus, wohl die Kuh melken.
Ich zögerte noch eine Minute und trat vorsichtig über den rutschigen Fliesenboden zur Duschkabine. Er stand mit dem Rücken, wusch den eingeseiften Kopf. Ich wusste nicht, was tun. Begann in der Nachbarkabine die Hähne aufzudrehen, eiskaltes Wasser prasselte, ich sprang weg, da rief er:
—Na, komm her, du fummelst da ewig mit den Hähnen rum. Er packte meine Hand und zog mich unter den dichten Strahl.
—Gib Hand, und er drückte Shampoo aus der Tube auf meine Handfläche.
Ich trat aus dem Strahl, drehte mich weg und seifte den Kopf ein. Plötzlich kam er von der Seite und tauchte Finger in meine Haare.
—Wir schwitzen so auf den Matten, da muss man gleich waschen.
Dabei schob er meine Hände vom heiligen Kopfwash-Ritual weg und massierte angenehm. Ich schloss die Augen und lehnte mich ans Trennwand-Rippe. Dann spürte ich seine Finger in meinen Ohren. Nichts sehend, nichts hörend, nahm ich die Welt nur durch seinen Atem und Berührungen wahr, weich und sicher.
Bald spürte ich eine Hand am Hals, sie zog mich unter die Dusche, wo angenehme warme Ströme, verflochten mit seinen heißen Händen, den Schaum abspülten. Dann bekam ich den eingeseiften Schwamm und ein Lächeln feuchter Augen.
—Jetzt du dran, sagte er, drehte sich um und stemmte beide Hände gegen die Wand.
Matteo drehte sich auf den Bauch, und sein Gesicht drückte sich in meine Schulter. Im Zimmer fliegen zwei Dorfmücken, führen einen Brauttanz mit inspiriertem Summen auf und ignorieren frech das Klebeband am Lampenschirm. Wenn sie auf Matteos Wange landen, puste ich sie leise weg. Er wacht nicht auf. Lass ihn schlafen, heute Sonntag, übrigens gibt’s Sauna.
Der Schwamm glitt schnell seinen Rücken hoch und dann vorsichtig runter bis zur unsichtbaren Grenze, tiefer traute ich den Blick nicht. Ich drückte fest auf den Lappen, weniger um männliche Stärke zu zeigen, als um mich von diesem unerklärlichen inneren Spannungszustand abzulenken, am meisten fürchtend, ihm äußere Spannung zu offenbaren.
In einem Moment spürte ich Kontrollverlust und begann krampfhaft ablenkende Bilder im Kopf durchzugehen. Amme, mein Retter, Kicherliese, hilf! „Jetzt fällst du auf die Stirn, wenn du groß bist, auf den Rücken.“ Und auf seiner Schulter ein Muttermal, groß wie eine Drei-Kopeken-Münze, und viel tiefer noch eins, kleiner. Wie gern würde ich da mit der Hand hinfassen… Und dann da, wohin beim Training… Oh, scheint, angekommen… Und wenn er sich jetzt umdreht? Meine Wangen glühten. Die listige Amme hat mich verraten.
Matteos schlafende Hand liegt schon auf meinem Bauch. Lass sie tiefer gleiten, ich bin bereit. Gott, sie gleitet runter, ich erstarre. Scheint, stark erotische Träume bei ihm. Berührt schon. Muss schnell aus dem Bett springen. Fremde heiße Hand in meinem Schritt. Hand meines Kommilitonen, Liebling der Uni-Mädels. Und ich muss noch vier Jahre mit ihm studieren! Aufstehen! Kann nicht aufstehen. Er streichelt wohl. Immer noch im Schlaf?
—Danke, jetzt ich dran, dreht er sich. Ich bin verloren. Aber was? Bei ihm auch. Ich will den Lappen reichen, doch seine Hand hält schon meinen… Oh, welch süßes Kribbeln. Ich trau mich nicht, Augen zu heben. Er umfasst mit der ganzen Faust… bis zum Schmerz. Und ich steh da mit dem blöden Lappen? Mit der freien Hand berühr ich eine Brustwarze, streichle die Brust. Lappen fällt aus der anderen, und ich berühr zum ersten Mal… Bei der Erinnerung spannt sich bei mir alles, wie damals. Aber damals knallte die Umkleidetür, Stimmen ertönten.
—Die Sauna ist schon geheizt, verkündete Gerda mit nicht altweiberlich heller Stimme, die Tür aufreißend. Guten Morgen, steht auf, wenn ihr früh hingeht, wird nicht viel Volk da sein. Alle sind zum Jahrmarkt in die Stadt gefahren, haben sich mit Schnaps vollgesoffen wie Schweine im Dreck, da hat’s Herz gepackt. Haben ihn nicht mal nach Haus gebracht, ist auf dem Weg verreckt. Gerda trat ans Heiligenbild, band ein Tuch um und bekreuzigte sich. Heut fahr ich in die Kirche. Und ihr, sicher auf den Tanz?
—Genau, Oma.
—Na, lasst’s gut sein, jung seid ihr… und flatterte so plötzlich raus.
Matteos Hände lagen schon über der Decke, Augen offen.
Jemand hatte Sachen vergessen, und die Stimmen, ohne in die Dusche vorzudringen, verstummten. Ich lugte vorsichtig in die Umkleide – niemand. Schloss die Tür fest, nahm Seife und fuhr langsam unter den Achseln damit. Ohne Wort berührte er zart mein Handgelenk, nahm das weiße glitschige Stück und seifte schnell den Lappen ein. Ich drehte mich zum beschlagenen Fenster, erwartete den Schwamm, spürte aber biegsame Finger, die energisch Nacken und Schultern massierten. Und doch, wie hieß er?
Zum Fenster starrend, in die Sonne blinzelnd, fragte er:
—Und Shampoo hast du mit?
—Sogar Bimsstein.
—Und ich hab ein ganzes Frottee-Laken.
—Lass uns Frühstück skippen, Gerda kränkt sich nicht, wenn wir nüchtern Buttermilch trinken. Hast du irgendwo Kekse? Matteo kletterte vorsichtig über mich, patschte zum Rucksack, aus dem sofort Päckchen, Packungen, Dosen purzelten.
—Mutter sorgte sich, dass sie hier schlecht füttern. Schau, was sie alles reingestopft hat.
Wir wuschen uns schnell, frühstückten, packten die Tasche mit Sauna-Zeug und gingen raus. Im Gras glitzerten noch Spuren nächtlichen Frosts, aber die Sonne wärmte schon. Vor den Schlossruinen verlangsamten wir, weil Matteo verzückt von der Magnatenfamilie erzählte, die im 17. Jahrhundert diese Ländereien besaß. Er trat an die gerissene Mauer und strich sanft über die alte Mauerung. Er hatte lange Finger mit erstaunlich gepflegten Nägeln. Und wann schaffte er das nach täglichem Graben in der Erde?
Finger verschwanden, und im Nu raste der brennende Schwamm den Rücken runter. Seine freie Hand legte sich auf meine Taille. Und der Lappen spazierte schon weich über die Pobacken. Wonne, Scham und ein unbekanntes Gefühl überfluteten mich, ich entspannte und hielt mich kaum auf den Beinen.
In der Sauna niemand. Kaum ausgezogen, zog Matteo mich in die Dampfkammer. Den Besen vergaßen wir, was er laut bedauerte, goss dann munter einen Schöpfer Wasser auf den glühenden Ofen und streckte sich auf der breiten Holzstufe aus. Ich kletterte höher, hockte mich hin und musterte neugierig den nie gesehenen Teil seines Körpers. Glatt und straff. Er legte den Kopf auf die Arme und schien einzuschlafen. Feine Tröpfchen traten auf seiner gebräunten Haut aus.
Bald wurde ich weich von der Hitze, Feuchtigkeit rann über die Stirn, in die Augen, Haare brannten. Ich ließ Beine runter, aber kein Platz zum Treten. Da stellte ich vorsichtig einen Fuß zwischen seine gespreizten Beine, streifte kaum, mit dem anderen erreichte ich den Boden. Ein Seufzer.
Ich spürte seinen nervösen Atem, nicht im Takt der Lappen-Bewegungen. Halb umgedreht, kaum begreifend, was ich tat, streckte ich die Hand zum glühenden Pistolenlauf und streichelte den harten Schaft. Er stöhnte.
Ich öffnete die Tür und trat in die Kühle. Goss mir einen Eimer Wasser über und seifte mich schnell ein. Da flog die Dampftür auf, und Matteo taumelte raus, wankte zum Eimer-Aussuchen.
—Komisch, dass keiner von unseren da ist.
—Haben sich gestern vollgesoffen, pennen drum. Und die Einheimischen wo?
—Auf dem Jahrmarkt in der Stadt, lachte Matteo, trat zur Vorraumtür und hakte den Eisenhaken ein.
—Wieso verschließt du?
—Mag keine Überraschungen, und er schaute durchs einzige unbemalte Fensterchen. Dann spritzte er sich Wasser aus dem Eimer zu.
—Nicht auf mich spritzen, kalt.
Zum Antworten goss er lachend den ganzen Eimer mir vor die Füße.
—Leg dich auf die Bank, ich wasch dich richtig, sagte er im Ton eines echten Saunameisters.
Ich legte mich gehorsam auf den Bauch. Er goss mir aus dem Eimer drüber, seifte den harten natürlichen Lappen ein und machte sich an meinen Rücken. Dann Oberschenkel, mit starken Rucken die Beine runter. Mir blieb nur, mich dem Zauber seiner starken Hände hinzugeben.
In der städtischen Sauna war ich selten, nur wenn zu Hause Wasser aus. Und gewaschen wurde ich nie, na ja, fast nie… Aber plötzlich durchzuckte ein Gedanke: und wie dreh ich mich um, bin ja schon bereit…
Ich setzte mich und schob die andere Hand unter die samtenen Halbkugeln. Vor Augen pulsierten geschwollene, blaue Adern unter zarter Haut, und ich leckte drüber. Die Finger des Jungen tauchten in meine Haare und hoben meinen Kopf leicht, und im Mund landete ein Teil seines Körpers. Er bewegte sich gleitend. Bald ergänzten sich zu diesem seltsamen Gefühl noch unerwartetere, geschmackliche und akustische. Er röchelte, und sein Körper bebte ungezügelt. Wieder knallte die Umkleidetür, und wir flohen unter die Dusche.
Jemand klopfte. Matteo ging zur Tür und löste den Haken.
—Ah, die Städter, brummte der Kerl gedehnt, uns musternd, und zog ein Kind von sechs Jahren rein.
Ich stand langsam auf, wusch mich selbst fertig. Dann rieb ich Matteo den Rücken, mit geschäftigem Ausdruck, zeigte dem Kerl absichtlich, dass wir eilig sind und nicht auf seine Kater-Sprüche aus. Er starrte hartnäckig, mit klarem Wunsch, ein Gespräch anzufangen. Aber nach ein paar Minuten rauchten wir schon im Vorraum, in ein einziges Frottee-Laken gehüllt, was sichtbar verband. Bald zeigten sich im Fenster unsere Kommilitonen, und wir zogen uns an.
Ich verabredete, nach der Sauna zu den Jungs zum Preferans zu gehen. Matteo, kein Spieler, sagte, er geht ins Nachbardorf, den dortigen Dom angucken. Abends kam er mit einer Flasche „Bialowieza“ zurück. Dann zum Tanz in den Klub. Er verpasste keinen und immer mit einer neuen Braut.
Und als er die vollbusige Klubchefin (Studenten-Spitzname Sechste Größe) schwungvoll packte, hörten fast alle auf zu tanzen und starrten mit Applaus, der in allgemeines Gelächter überging, das atemberaubende Paar an. Die errötende Matrone, stolz die Ehre der dörflichen Intelligenz haltend, samt Perücke, arbeitete rhythmisch mit den Hüften, tanzte angeblich Tango, obwohl Rockmusik lief.
Mit der freien Hand, nicht an der Perücke, drückte sie manchmal, im Takt ihres inneren Motivs, herrisch den für sie zu kleinen Kavalier an ihre nicht schwache Brust, und Matteo bewahrte dabei den ernstesten Gesichtsausdruck. Mit Funken brennender Leidenschaft bei scharfen Drehungen. Der Tanz endete mit glücklicher Träne der Sechsten Größe, getönt von Tusche wie ein Klecks im Heft eines Sitzenbleibers, und ihrem dankbaren Knicks, der fließend in einen besoffenen Hofknicks überging.
Um elf war Schluss, aber die geröteten Studenten wollten klar nicht auseinander, schmiedeten Pläne für nächtliche Streifzüge. Auf der Veranda zündeten wir an, Matteo legte schwankend die Hand auf meine Schulter:
—Gehen wir heim, morgen früh zur Fron.
Ich war nicht betrunken, spielte aber mit. Und umfasste seine Taille, führte ihn stolpernd die dunkle Dorfstraße entlang.
Seine Arme umschlangen meinen Oberkörper. Er lauschte: schon niemand mehr. Und ohne den Kopf wegzubewegen, versuchte er ungeschickt, mich zu küssen. Nase im Weg. Ich kapierte zuerst, neigte den Kopf, und unsere Lippen saugten sich gierig aneinander, Wasser peitschte die Wange. Er führte mich in die Nachbarkabine und hockte sich vor mich. Begann Knöchel zu streicheln, dann Waden…
—Und du kannst massieren?, fragte ich Matteo, als wir schon lagen.
—Willst du?, in dieser scharfen Antwort ahnte ich doppelten Sinn.
Ich drehte mich schweigend auf den Bauch und legte Hände unter den Kopf, lauschte dem altweiblichen Schnaufen im Nebenzimmer. Nach Pause warf er die Decke weg und setzte sich rittlings auf mich, klemmte mit Knien meine Schenkel ein. Sofort spürte ich Blutandrang am Berührungspunkt und heißes Atmen des Reiters. Langsam und unsicher begann er Schulter-Muskeln zu kneten.
Bald erstarrten Hände, Atem kam näher ans Ohr. Ich hob mich, und Lippen fingen brennende Zunge.
Ich stand mit geschlossenen Augen auf der Gummimatte, spürte seine Lippen erst an Füßen, dann Schienbein, Schenkeln und… endlich… Er knabberte leicht, und das erregte noch stärker.
Matteo half mir, mich umzudrehen. Seine Küsse brannten mal Hals, mal Arme, mal Brust, mal Bauch. Und plötzlich war ich in ihm bis zur Wurzel, und seine langen frechen Finger umklammerten meine Handgelenke, als wollte ich fliehen. Ruck, – und das matte Laternenlicht draußen warf den Umriss seiner Hüften vor Augen, dann spürte ich, wie etwas Ungeduldiges, Heißes an Lippen drückte.
Dann stand er auf, drehte sich und lenkte mit Hand mein Gerät ins Ziel. Oh, welch herrlicher Eintritt in diese Welt der Wonne und des Zitterns. Meine Hände umfassten gierig den Körper, mit dem ich mich schon eins fühlte. Der Junge stöhnte, aber der Laut, der in Ekstase aus mir brach, übertönte wohl sein Stöhnen. Hand, die über seinen Bauch glitt, ertastete pulsierende Feuchtigkeit.
Matteo legte sich neben, zog mich ran, küsste tief und glühend, dann lastete er mit ganzem Gewicht auf meinem Rücken. Ich spürte beharrliche Stöße, Schmerz, spannte mich ganz, entspannte allmählich und… es schien mir wie Schwerelosigkeit. Nach einer Weile biss er schon krampfhaft in meine Schulter, aber ich spürte keinen Schmerz. Nur Seligkeit.
Als ich aus der Dusche kam, wickelte er mir das Frottee-Handtuch um den Hals. War so gut. Und es gab das glückliche Gefühl, dass ich jetzt nicht mehr allein so bin, und nicht allein. Dass ich einen Freund habe, von dem ich mich nicht mehr trenne.
Matteo ging raus rauchen. Und ich starrte auf den schwarzen Ast mit schwarzen Pflaumen vor blassgelbem Laternenhintergrund und lauschte dem Flüstern abgerissener trockener Blätter im Herbstwind. Wahrscheinlich war ich in jenen Minuten glücklich. Aber mit dem ängstlichen Rascheln der Blätter kroch schon die Furcht vor Verlust heran. Unvermeidlich? Und ich drückte das Kissen fest. Unterbewusst erstickte ich diese bohrende…
Und da dämmerte es mir: Der Junge hieß Matteo! Nur traf ich ihn nie wieder.
Er kam zurück, Stiefel knarrend, strich ein Streichholz an und hielt das zitternde Flämmchen nah an mein Gesicht, sagte nachdenklich:
—Interessant, mit welchen Augen du mich morgen anschaust?
Verbrannte Finger ließen das erloschene Streichholz fallen, und ich spürte bitteren Tabakgeschmack auf seinen zarten Lippen. Dann rollte er sich zusammen wie ein Kind und drückte das Gesicht in meine Achsel. Und diesen großen Jungen umarmend, verstand ich: Er bat mich, unser zerbrechliches, wie eine im Wind schwankende Laterne, Zukunft in die Hände zu nehmen.


