Der lang ersehnte berufliche Feiertag war endlich da – der Tag des Buchhalters. Obwohl er kein roter Kalendertag war, erfüllte er Martinas Seele und die ihrer fünf adretten, bildschönen Untergebenen jedes Jahr mit warmer, tiefer Freude, dazu die übliche Prämie vom Chef, einhundert Euro für jede.
Der Morgen begann mit Glückwünschen und üppigen Blumensträußen von Kollegen aus den anderen Abteilungen. Die Stimmung war ausgelassen festlich. In der Baufirma wusste man genau, was die Buchhaltung und Revision wert war, und man legte großen Wert darauf, dass die Frauen spürten, wie sehr man sie schätzte, achtete und mochte. Die Frauen dankten es mit ruhiger, gewissenhafter Arbeit. Überlastung gab es keine. Martina hatte ihren Bereich so präzise eingestellt, dass alles wie von selbst lief, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, dank ihres überragenden Könnens.
Martina war sechsundvierzig, verheiratet mit einem soliden Geschäftsmann, der Sohn studierte Jura, eine runde, glückliche Familie. Sie war hochgewachsen, eine atemberaubende Brünette mit natürlichem, vollem dritten Busen, dunklen, warmen Augen und einem Körper, der immer noch straff und begehrenswert war – lange, schlanke Beine, ein Po von perfekter, einladender Rundung, ovales Gesicht, gerade edle Nase, dazu eine teure, salonfrisierte Haarpracht. Man gab ihr höchstens zweiundvierzig. Fitness, Massagen, Kosmetik und die Mittel, sich das alles zu leisten, hatten ihre Spuren hinterlassen.
An diesem Tag trug sie ein enges, dunkelkirschrotes Abendkleid mit feinen Lurexfäden, direkt auf der nackten Haut, ohne einen Fetzen Wäsche darunter. Man sah es sofort. Kein Träger, kein Rand zeichnete sich ab. Was jedoch jede männliche Aufmerksamkeit wie ein Magnet anzog, war das, was sich unter dem dünnen Stoff deutlich abzeichnete: ein kleiner, baumelnder Nabelpiercing, der bei jeder Bewegung leise klimperte, und weiter unten der vollkommen rasierte Venushügel mit den glatten Lippen, über denen sich ein mittelgroßes Piercing-Ring mit einem funkelnden Stein wölbte. Der Rücken war bis zur Taille frei, die Pobacken klar und prall modelliert, als wollten sie Blicke und Hände geradezu herausfordern. Vorne reichte der Ausschnitt bis knapp über die Brustwarzen. Alle kannten Martinas gewagte Outfits, doch so offen hatten sie sie noch nie gesehen.
Die Mädchen waren zwischen siebenundzwanzig und achtunddreißig, alle verheiratet, alle Mütter, alle angenehm, schlank und wirklich hübsch. Martina hatte sie genau nach diesem Maßstab ausgesucht, damit kein giftiger Neid, keine Eifersuchtsintrigen aufkamen. Die Rechnung ging auf. Das Team arbeitete friedlich, jede hatte zu Hause einen vernünftigen Mann und einen normalen Charakter ohne verrückte Allüren.
Jede hatte sich heute besonders herausgeputzt, wollte mehr als hundert Prozent geben. Zumal Martina gestern mit einem verschmitzten Lächeln gebeten hatte, sich ruhig etwas erotischer zu kleiden. Sie habe eine Überraschung. Ein Ort, den keine von ihnen kannte, wahrscheinlich nicht einmal sie selbst, doch von dem sie seit Langem Gutes hörte von alten Studienfreundinnen, Kolleginnen, Bekannten.
Eine Stunde nach Arbeitsbeginn betraten der Generaldirektor und seine beiden Stellvertreter das große, geschmackvoll eingerichtete Büro der Hauptbuchhalterin. Große Rosensträuße, Champagner, französischer Cognac, dicke Umschläge mit Euros. Herzhafte Worte, Lachen, Gläserklirren. Die Männer schenkten ein, prosteten, und ihren Blicken entging kein Detail von Martinas nacktem Körper unter dem dünnen Stoff. Jeder einzelne schien jede Kurve einzeln abzutasten und seine Bewunderung laut auszusprechen. Auch die anderen Mädchen bekamen tolle Toasts, rote Wangen und ehrlichen Applaus.
Martina war nie bei Seitensprüngen erwischt worden und stritt alles ab, doch die Mädchen hatten mehr als einmal gesehen, wie vielsagend die Blicke zwischen ihr und Alessandro, dem imposanten, hochgewachsenen Generaldirektor von siebenunddreißig Jahren, hin und her gingen. Manchmal blieb sie nach Feierabend unter dem Vorwand, noch etwas fertig machen zu müssen, ein-, zweimal die Woche. Dann brannte auch bei ihm noch Licht. Niemand war neidisch. Alle spürten die Distanz. Sie und er waren einfach andere Kaliber. Oder vielleicht waren es auch nur Gerüchte. Eigentlich ging es sie nichts an.
Nur ihre Stellvertreterin Isabella, sechsunddreißig, eine gefärbte, hochgewachsene, kurvige Blondine mit kurzem, schickem Schnitt und wunderschönen hellgrauen Augen, hatte die Aufforderung wörtlich genommen. Sie trug ein kurzes, terrakottafarbenes Kleidchen mit Gürtel, weit über dem Knie, Ärmel bis zum Ellbogen, darunter nichts. Wenn sie sich setzte, öffnete sich der Ausschnitt und zeigte ihren eigenen kleinen goldenen Schamhügel-Piercing mit edlem Stein. Die anderen Mädchen hatten sich nicht ganz so weit getraut, kamen aber in hübschen, modischen kurzen Kleidern. Jede hatte heimlich auf der Toilette die Wäsche ausgezogen und sie in der Schreibtischschublade verschwinden lassen, dem Beispiel der beiden Chefinnen folgend.
Nachdem die Direktoren gegangen waren, eröffnete Martina den Mädchen lächelnd ihren Plan. Sie wolle sich und sie mit männlichem Striptease verwöhnen. Deshalb schlage sie vor, den Feiertag am Abend im reinen Frauen-Stripclub „Kolibri“ nahe dem Stadtpark fortzusetzen. „Tisch ist bestellt“, sagte sie. Der Manager habe sie gewarnt: Im Club gebe es nur die Stripper, keine fremden Männer. Das diene der völligen Freiheit der Frauen, damit sie sich nicht genieren müssten und sich jede nur erdenkliche sexuelle Spielerei erlauben könnten. Die Jungs seien wie gehorsame Diener, die jeden Wunsch erfüllten. Filmen verboten. Alle ständig ärztlich kontrolliert, absolute Sauberkeit garantiert. Man habe bequeme Ledersofas mit niedrigen Lehnen in guter Lage, nicht mitten im Saal, einen Tisch dahinter für die Getränke, weitere Sitzbänke an der Wand zum Essen, und vorn Sessel für das Gespräch mit den Jungs, alles über achtzehn. Gedämpftes Licht. Viel Vergnügen.
Alessandro habe als zusätzlichen Bonus eine Firmenkarte für den gesamten Abend zur Verfügung gestellt, berichtete Martina.
Die Mädchen nahmen den Vorschlag mit leuchtenden Augen und großer Aufregung an. Jetzt verstanden sie, warum die besonderen Outfits gewünscht waren. Keine von ihnen war je in einem solchen Club gewesen. Alle fieberten dem Feierabend entgegen.
Sie tranken zur Mutprobe noch je einen halben Cognacschwenker des edlen französischen Tropfens, der leicht und warm die Kehle hinunterglitt, danach eine Orangenspalte. Dann stiegen alle in das wartende Taxi und fuhren los, um ihren Feiertag auf eine ganz neue, aufregende Weise weiterzufeiern.
13.01.2021. Ende des ersten Teils.

