Er öffnete langsam die Augen. Das Bewusstsein kehrte allmählich zurück, zögernd, wie ein Nebel, der sich lichtet. Er spürte Licht – Licht, das vor seinen Augen flackerte oder in ihnen selbst, na ja, irgendwo im Kopf jedenfalls. Es drang in seinen Schädel ein, in Flecken, bunten Flecken, hellgrün, blau und weiß.
Langsam gewannen diese Flecken Schärfe, formten ein Bild, eine Art Welt, die ihn umgab. Er konzentrierte sich auf diese Sicht, verband sie mit einem Erinnerungsfetzen aus der Tiefe: Was er sah, war Wald, er lag unter einem Baum, es war Morgen, der Himmel strahlte blau, wolkenlos, die Sonne leuchtete fröhlich.
Das Ganze wurde greifbarer – zur Sicht gesellten sich andere Sinne: Er atmete frische, kühle Luft ein, fühlte Tau auf der Haut, hörte das Zwitschern von Vögeln.
In seinem Kopf ordnete sich alles allmählich. Er kam zu sich. Doch dann erwachte ein Gedanke, der immer da gewesen war, nur gedämpft geglüht hatte, tief drin, und nun flammte er auf, schob alles andere beiseite: „Wer bin ich? Wo bin ich? Und wozu?“
Er rührte sich: Bewegte Arme und Beine, drehte den Kopf, strich mit der Hand über den Bauch. Er begann zu verstehen, seine Lage klärte sich: Er war ein Mann, ein nackter Mann, der auf feuchtem Gras im Wald lag, obwohl die Sonne hell schien, es wohl noch Morgen war und ziemlich kühl. Er schauderte.
Na und, ein Mann? Zwei Arme, zwei Beine und noch was. Das brachte ihn den großen Fragen kein Stück näher.
Er stand auf. Sein Körper schmerzte vom langen Liegen auf der Erde. Er schwang die Arme, machte ein paar Kniebeugen, drehte den Kopf erst nach links, dann nach rechts, setzte sich ins Gras und lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm.
In seinem Kopf rumorte es, eher ein Nebel, aus dem Gegenstände und Gestalten auftauchten. Da schwamm ein Mensch namens Markus heraus. Ja, Markus. Markus zog an, weil er ein Freund war, und stieß ab, weil sie immer stritten.
Aus dem Nebel tauchte „Tequila“ auf, oder gar „Tequila-Jazz“, danach war alles Jazz im Kopf. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war ihr Streit, wieder mal um Metaphysik. Tequila half dabei einerseits, schadete andererseits.
Er, Lukas, hatte gesagt… Stopp, er hatte einen Namen! Lukas. Der sagte nichts über Vergangenes, nichts über Zukünftiges, nichts über Sinn. Nur Lukas…
Also, er, Lukas, hatte gesagt, man könne die wahre Natur der Dinge nicht begreifen, solange man so ein begrenztes Wesen blieb wie ein Mensch. Um zu verstehen, müsse man die menschliche Natur abstreifen, sich lösen, das dreidimensionale Raum vergessen und die gnadenlose Zeit, all das, was der Mensch selbst geschaffen hat und worin er versinkt.
Markus schimpfte Lukas für solchen Idealismus aus, für seine Unfähigkeit, klare Antworten zu geben, erklärte es zuerst mit zu wenig Getrunkenem, später mit zu viel. Markus sagte, trotz all seiner menschlichen Grenzen und Laster sei er den Antworten auf die großen Fragen schon nah und gehe längst den richtigen Weg.
Zum Beweis zeigte er ein dickes grünes Heft, auf dem ein schönes Etikett klebte: „DIE WAHRE NATUR ALLEN SEINS“. Lukas mochte das Heft nicht. Markus füllte es mit Hilfe eines Enzyklopädie-Wörterbuchs und war schon bei „J“ angelangt.
Lukas hatte mal reingeschaut und den Trick durchschaut. Der Witz lag in den vielen Querverweisen, die alles verwickelten und doch zu einem großen Knäuel verbanden. Zum Beispiel:
A. ABRAHAM – wahre Natur ist Jude (siehe Jude)
B. GOTT – wahre Natur ist Liebe (siehe Liebe)
W. WASSER – wahre Natur ist Stärke der intermolekularen Wechselwirkung (siehe Stärke, siehe Molekül, siehe Wechselwirkung)
— Schau, wie tief das geht, — sagte Markus, — schau: Nehmen wir Wasser oder, um’s verständlich zu machen, Tequila. Die haben ähnliche Natur. Wär die Wechselwirkung der Moleküle beim Tequila ein Tick schwächer, wär’s kein Tequila mehr, sondern Tequila-Dampf. Oder ein Tick stärker, dann Tequila-Eis. In beiden Fällen könnten wir’s nicht trinken. Aber schau! Wir trinken’s! Wie harmonisch alles in dieser menschlichen Welt eingerichtet ist, und dir gefällt sie nicht.
Markus plante, so die wahre Natur aller Dinge zu beschreiben, mit endlosen Verweisen verknüpft, und die finale Version als globalen Hypertext ins Netz zu stellen, zugänglich für jeden. Aber Lukas widersprach wie immer:
— Um mit deiner Methode den wahren Sinn von allem zu erfassen, könntest du das System starten, aber das Ergebnis käme ewig später, quasi in der Unendlichkeit. Und in einem normalen Menschenleben versteht man’s nicht…
Er fuhr fort:
— Nein, nein, Markus, so nicht. Um zu verstehen, muss man alles fallenlassen, alles hinter sich lassen, alles Irdische vergessen, man muss abheben, schweben. Das wird der Rausch, die Freiheit, die Leichtigkeit. Mit dem Verstand allein dringt man nicht zur Wahrheit vor.
— Ach komm, du bist schon betrunken, nimm noch Tequila mit Zitrone.
Ja, ja, das erinnerte er alles, das war das Letzte, was er wusste, aber Markus irrte. Lukas war todernst in dem Gespräch. Er war nicht betrunken, und konnte man eine menschliche Seele je betrunken machen? All der Wodka der Erde reicht nicht…
Er fühlte, er hatte recht, stand am Rand der Lösung des größten Rätsels. Und nun war er hier, allein, im Wald, nackt.
„Tja, etwas ist passiert: Entweder mit meinem Kopf oder mit der ganzen Welt“, dachte Lukas. Er beschloss, durch den Wald zu streifen und herauszufinden, wo er gelandet war.
Er ging, Nadeln und spitze Zweige pieksten seine Füße, aber das störte nicht. Leise zwitscherten Vögel, es war schön, doch keine Spur menschlicher Aktivität, nicht die kleinste. Wald wie Wald, gutes Wetter, Sonne schien.
Aber etwas nagte. Plötzlich knackte rechts ein Ast, und er sah sie. Er sah sie.
Es war sie. Eine Frau. Nackt. Also ohne Kleidung. Er wandte sich um und ging auf sie zu. Sie war ansehnlich, wohlgeformt, runde Hüften und Brüste, schmale Taille, welliges blondes Haar, aufmerksame, leicht ängstliche blaue Augen. Die lockigen Haare am Schamberg glänzten rötlich.
Sie bemerkte Lukas auch. Sie starrte ihm in die Augen, suchte Halt, die Angst wich langsam, ihr Blick glitt vom Gesicht tiefer, noch tiefer und verweilte dort.
— Wer bist du? — fragte er.
— Ich, ich bin Sophie, — antwortete sie, — Ich bin ganz allein, ich suche Menschen.
— Und suchst du schon lange?
— Schon eine halbe Stunde. Ich wachte allein auf, ohne Kleidung, direkt auf dem Gras. Und wo sind alle?
Das Letzte, woran sie sich aus der Zeit vor dem Erwachen erinnerte, war ein Rhythmus, monotone Schläge auf einer Trommel, begleitet von Mantra-Gesängen. Der Rhythmus führte sie, zog sie aus dieser Realität in eine andere, wo alles gut war, leicht und richtig.
Sie starrte auf die Flämmchen der Brenner, die um eine komplizierte Konstruktion standen, Symbol des EINEN GOTTES, des Subjekts allen Seins, das Opfer, Anbetung und Liebe brauchte. Um Sophie saßen Leute wie sie, wiegten sich und wiederholten die Mantras nach dem Anführer.
Die Atmosphäre im Tempel fühlte sich dicht an, die Luft dick vom Räucherwerk, das am Altar qualmte, und vor allem von den Menschen, die die Luft mit Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten, Auren verdichteten. Der Trommelschlag und der Gesang wurden schneller, zogen alle mit: Man wollte wissen, was passierte, wenn der Rhythmus unerträglich schnell wurde.
Etwas Wichtiges, Wesentliches, Wichtigeres als das ganze vergangene Leben. Sophie war wie die anderen in diesen Rhythmus, diesen Strom verstrickt, der sie trug, wohin auch immer, sie konnte nicht widerstehen, wollte es nicht.
Ihr Blick haftete öfter am oberen Teil der Konstruktion – Symbol des männlichen Prinzips. Der glänzende Schaft schien die Farbe zu wechseln. Zuerst funkelte er wie eine frisch polierte Waldhorn, doch als der Tempelraum dunkel wurde, verdunkelte er sich, behielt den Glanz, schien aus Glas, mal dunkelblau, mal braun, fast durchsichtig.
Und sie, Sophie, verstand plötzlich klar, das war kein bloßer Symbol, sondern ein echter männlicher Penis, der in sie eindringen konnte, Lebensenergie in sie gießen, Seligkeit, wofür sie auf dieser Welt lebte. Dieser Phallus erschien ihr rein, unbefleckt, gar nicht wie das, was sie bei Männern gesehen hatte, die sie verführen wollten.
Sie war immer im letzten Moment entkommen. Nein, vor ihr stand das männliche Prinzip des Absoluten, des Ideals, ohne Tropfen Bosheit, Schmutz oder Unreinheit. Ein Schauer durchlief ihren Körper, sie presste die Beine zusammen, beugte sich vor…
Es fühlte sich an, als entzündete sich Feuer in ihr, etwas dehnte sich aus, eine Explosion musste kommen. Aber an die Explosion erinnerte sie sich nicht.
— Und wer bist du? — fragte Sophie.
— Ich bin Lukas, — antwortete Lukas.
— Und was nun?
— Nichts! Ich suche auch! Suche schon lange Menschen, mein ganzes Leben.
— Und da, wo du warst, gab’s keine Menschen?
— Doch, massenhaft, aber die sind nicht richtig. Ganz anders, nicht wie ich.
— Vielleicht solltest du keine Menschen suchen?
— Vielleicht, vielleicht…
Lukas senkte nachdenklich den Blick, hob ihn dann und sah Sophie an. „Vielleicht ist sie’s, vielleicht habe ich sie gesucht? Schau, wie’s passt…“ – dachte Lukas. Und in dieser Welt gab’s keine Zufälle – das wusste er genau.
Lukas hörte auf, Sophies Gesicht anzuschauen, musterte ihre Figur. „Sehr wohlgebaut, und die Brüste, mit den Nippeln könnte man ‘ne Nummer wählen, wie Markus immer sagte.“
Sophie spürte den Blick und senkte schüchtern die Augen, doch sie starrten nicht auf den Boden, sondern hingen wie von selbst tiefer, am Unterleib von Lukas. „Klein, ein bisschen runzlig“, dachte Sophie. „Aber so muss es sein, wär er immer groß, würde er beim Gehen stören“, konterte sie sich selbst vernünftig, — „Er kann wachsen.“
Obwohl sie Lukas zum ersten Mal sah, empfand sie Sympathie, wollte, dass sein Glied anschwoll, sich mit Blut füllte, dem Phallus des Gottes ähnelte, in sie eindrang. Und da bemerkte sie, es wurde größer, schwoll an, die dünne Haut spannte sich, glitt zurück, die rote Eichel lugte hervor.
Lukas blickte Sophie in die Augen, machte zwei Schritte, stand ganz nah. Langsam neigte er den Kopf, berührte ihre Lippen mit seinen. Der Moment war herrlich.
Sophie erzitterte am ganzen Leib, schmiegte sich an Lukas. Ihre Lippen verschmolzen, sie suchten gierig nacheinander. Lukas umfasste Sophies Taille, streichelte sie zart.
Sophies Zunge drang in seinen Mund, kitzelte spielerisch seine. Lukas fuhr mit den Händen über ihren Rücken, worauf Sophie sich bog, dann ließ er sie zu ihren Pobacken gleiten, knetete sie leicht, das Mädchen presste sich fester an ihn.
Die lockigen Haare an ihrem Schamberg kitzelten die schon geschwollene Eichel. Lukas löste eine Hand von ihrem Po, zog sein Glied zu sich, dabei strich der Handrücken über die weichen, federnden Härchen an ihrem Scham, und mit den Fingerspitzen spürte er die warme Feuchtigkeit, die Sophie schon überflutete.
Und sie, ihre Begierde nicht mehr zügelnd, schob mit der Linken seine Hand weg, umfasste mit der Rechten sein Glied und streichelte es zart, schob die feine Haut vor und zurück, drückte leicht. Das erregte Lukas noch mehr.
Er packte Sophie an den Schultern, zog sie zum Boden. Sophie legte sich gehorsam ins Gras, spreizte die Beine, bog sie leicht in den Knien, strahlte Unterwerfung und Einladung aus.
Lukas beugte sich über sie, suchte mit den Lippen ihre, und Sophie fing sein stehendes Glied ein, half ihm den Eingang zu finden. Lukas stieß mit dem Becken zu, drang in sie ein, sie schrie auf, eine Welle Schmerz durchzuckte sie, aber Lukas bemerkte es nicht, fuhr mit seinen Stößen fort.
Allmählich stumpfte der Schmerz ab, mischte sich mit der Glut in ihr. Ihr Atem wurde schwer, wie der von Lukas. Schweißperlen traten auf ihre Gesichter.
Der Rhythmus erinnerte Sophie an den Trommelschlag und den Gesang aus ihrer Erinnerung, und ähnliche Seligkeit breitete sich heiß in ihrem Körper aus. Sie half Lukas mit ihren Bewegungen, kam ihm entgegen, wich zurück.
Lukas saugte dankbar an ihren Brustwarzen. Ihr Rhythmus wurde schneller, sie konnten Stöhnen nicht unterdrücken. Bewegungen und Atem wurden ruckhaft, ungestüm, Lukas presste sich an das hingestreckte Mädchen, warf den Kopf zurück, bog sich.
Eine stoßweise Folge von Impulsen durchfuhr seinen Unterleib. Sophie spürte sie auch, und mit dem heißen Samen strömten neue Wellen unermesslicher Seligkeit in sie.
Das Bewusstsein der beiden hörte auf, die Umwelt wahrzunehmen, die für sie nicht mehr existierte. Alles veränderte sich. Keine Gedanken, keine Gefühle sogar.
Keine Zeit, kein Raum, alles verdeckt von einer unbekannten Wand, nur Seligkeit blieb, nur Energie, nur Sinn, nach dem sie strebten. Sie rasten, sie flogen durch unbekannten Raum, in dem Strom, der sie trug und den sie selbst mit ihrer Bewegung schufen.
Und es schien, als hätte dieser Strom kein Ende, wie kein Anfang…
Er rollte sich auf den Rücken, rückte von ihr ab. Vollkommen entspannt, starrte er kraftlos in den wolkenlosen Himmel. Er fühlte nichts, schien es, doch sein ganzer Körper, sein ganzes Bewusstsein quoll über von Seligkeit, Gnade, Fülle und Harmonie.
Er fühlte sich wie Gott oder fast Gott, Teil des Universums, Teil von Sophie, Teil von allem. Was gerade passiert war, war kein bloßer physiologischer Vorgang, sondern ein mystischer Akt der Vereinigung gegensätzlicher Naturen, Verkörperung und Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Materiellem und Immateriellem.
Lukas verstand, darin lag das Leben, dafür war er geschaffen.
Lukas drehte sich auf die Seite, blickte Sophie an. Sie lächelte dankbar zurück, ihr ganzes Wesen strahlte Seligkeit und Entspannung aus. Lukas streichelte zart ihr Bein, sein Körper hatte sich genug erholt für mehr.
Er rückte zu Sophie, lag plötzlich über ihr. Ihre Lippen trafen sich wieder. Alles wiederholte sich, ihre Körper bewegten sich langsam, rhythmisch.
Das tiefe Atmen der beiden und die Laute ihrer Körperbewegungen zerbrachen die vollkommene Stille, die plötzlich über den Wald gefallen war. Keine anderen Geräusche, keine andere Bewegung ringsum.
Ein unsichtbarer Beobachter wandte den Blick von den beiden ab, schaute sich um. Ringsum lag stiller, regloser, jungfräulich unberührter Wald. Der Beobachter entfernte sich. Er verlor das Interesse.
Die nackten Körper wurden zu zwei Flecken in der grünen Masse des Waldes sichtbar, dann der Wald zu einem grünen Fleck auf der Landoberfläche, umgeben von blauem Wasser, das Ganze formte einen Ball, umhüllt von bläulichem Dunst.
Er schrumpfte, schrumpfte, wurde zu einem kleinen Sternchen. Dann verschwand es unter anderen großen Sternen. Dann verschwanden auch die.
Und die beiden im Wald bemerkten das Verschwinden des Beobachters nicht, wie sie seine Anwesenheit nicht bemerkt hatten. Ihre Körper bewegten sich ohne Unterlass, bewegten sich, bewegten sich…


