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«Magischer» Puder

Der sommerliche Glut endlich begann nachzulassen. Ein lang ersehnter kühler Lufthauch strich kaum merklich durch die Äste uralter Bäume, trug den Duft frisch gemähten Grases durch den Park, vermengte sich mit dem schweren Blütenduft und tauchte alles in eine leise, fast melancholische Romantik. Die Sonne hatte den Horizont gerade berührt.

Ein junger Mann mittlerer Größe, sportlich gebaut, mit runder Brille und dunkelblauen Gläsern schlenderte ohne Eile die Allee entlang. Er hieß Luca. Verwaschene blaue Jeans, bis zu den Knien hochgekrempelt, braune Badeschlappen, ein oranges Shirt mit einer schwarzen, verworrenen Abstraktion, die an ineinander verschlungene keltische Drachen erinnerte. Glatt rasiert, kurzer Boxerschnitt. Genau das richtige für die Hitze und sein etwas angeberisches Macho-Gehabe.

Er ging Hand in Hand mit einem Mädchen in einem kurzen schneeweißen Kleid mit tiefem Ausschnitt. Ihre Kurven zogen die Blicke der entgegenkommenden Männer magisch an. Die Hüften schwangen im Takt zum harten Klackern silberner High Heels, die wie angegossen an ihren schmalen Füßen saßen.

Kurz vor dem italienischen Restaurant sagte Luca ruhig: „Sophie, ich habe uns einen Tisch am Fenster bestellt.“

Sophie antwortete nicht. Sie sah ihm nur tief in die Augen und lächelte dieses weiche, zärtliche Lächeln, das ihm jedes Mal den Magen umdrehte.

Drinnen half er ihr wie ein echter Kavalier aus dem Mantel, schob ihr den Stuhl zurecht und setzte sich erst danach. Der Kellner kam sofort.

„Guten Abend. Was darf es sein?“

„Ich nehme Cannelloni“, sagte Sophie mit ihrer hellen, fast mädchenhaften Stimme, „und zum Nachtisch Erdbeereis.“

„Dann für mich die Ravioli mit Käse. Nachtisch dasselbe wie bei meiner Begleiterin“, antwortete Luca mit einer Spur übertriebener Wichtigkeit und fügte langsam hinzu: „Dazu noch eine Flasche roten Wein, bitte.“

Der Kellner verschwand. Der Wein kam fast augenblicklich, wurde sorgfältig eingeschenkt. Luca hob sein Glas, lächelte.

„Sophie, du siehst heute einfach atemberaubend aus. Der erste Toast gehört dir.“

Die Gläser klirrten leise.

„Luca“, sagte sie, nachdem sie ihr Glas abgestellt hatte, „ich geh kurz mein Näschen pudern, solange das Essen noch nicht da ist.“ Sie stand auf, lächelte noch einmal und verschwand mit leichtem Schritt in Richtung Damentoilette.

Jetzt kam der Moment, für den Luca mehrere Nächte nicht geschlafen hatte. An einem öden Abend war er durch die Kanäle gezappt und bei einer Sendung über Wettessen hängengeblieben. Eine junge Amerikanerin namens Harper hatte ihn nicht mehr losgelassen. Sie stopfte sich alles rein wie ein Hamster auf Speed – Brot, Wurst, Hotdogs, alles verschwand in ihrem Mund, kaum gekaut, mit Saft runtergespült. Der Saft lief ihr über Kinn und Hals, Krümel klebten überall, das süße Gesicht wurde zur Sauerei. Und Luca hatte keinen Ekel gespürt. Im Gegenteil. Ein tiefes, warmes, fast verbotenes Glücksgefühl hatte ihn durchflutet.

Danach war ihm klar geworden, dass er genau das schon lange heimlich mochte: Mädchen, die sich hemmungslos vollstopften und dabei rund wurden. Die Idee war ihm dann ganz plötzlich gekommen. Ein Pulver, das unstillbaren Hunger auslöst. Etwas, das er ihr unauffällig ins Glas kippen konnte.

Die Suche im Netz war mühsam. Am Ende schrieb er einem Pharmazeuten aus Moskau, erzählte die Geschichte vom kranken Haustier. Zwei Nächte später kam das Rezept. Die Zutaten waren leicht zu besorgen. Apotheke und Tierapotheke reichten.

Jetzt war der Augenblick da. Luca zog das kleine Fläschchen aus der Tasche, öffnete es und kippte den gesamten Inhalt in Sophies Glas, während er so tat, als würde er die Gläser zurechtrücken.

„Da bin ich wieder. Hast du dich nicht gelangweilt ohne mich?“, fragte sie fröhlich, als sie zurückkam.

„Jede Sekunde ohne dich war eine Ewigkeit.“

Das Essen kam. Sophie aß erst langsam. Dann, nach ein paar Schlucken Wein, änderte sich alles. Sie schlang die erste Cannelloni hinunter, dann die zweite, die Wangen schon leicht gefüllt. Die dritte folgte. Von der wohlerzogenen Sophie war nichts mehr übrig. Vor Luca saß plötzlich Harper. Nur in Sophies Körper.

Sie kaute nicht mehr richtig. Sie stopfte. Die Füllung quoll ihr fast aus den Mundwinkeln. Schweiß trat auf ihre Stirn, sie wischte ihn mit dem Handrücken weg und verschmierte dabei Soße und Gewürze bis zu den Ohren. Das weiße Kleid sah aus wie eine Tischdecke nach einer wilden Hochzeitsfeier. Ihre Augen huschten wild über den Tisch, suchten nach mehr. Als der Teller leer war, griff sie nach den Ravioli, die Luca nicht einmal anzurühren wagte. Sie murmelte etwas Unverständliches und fraß weiter.

Dann passierte es. Sie hielt die Stoffserviette für Essen, stopfte sie sich in den Mund. Kurz darauf heulte draußen eine Sirene. Zwei kräftige Sanitäter mussten Sophie von der Serviettenbox wegzerren, die sie für eine weitere Mahlzeit gehalten hatte.

Im Krankenhaus beruhigte man sie erst nach einer gründlichen Magenspülung und einer starken Beruhigungsspritze. Danach schlief sie auf der Liege ein wie ein Kind.

Luca saß noch fünf Minuten im Restaurant, starr. Jubel oder Entsetzen? Er wusste es nicht. Aber eines wusste er genau: Es hatte gewirkt.

Später auf der Herrentoilette, während er sich die Essensreste von Shirt und Jeans wusch, stellte er sich die Frage, die alles verändern sollte: Kann man das jeden Tag machen?

Der Morgen danach war hart für Sophie. Sie wachte auf von metallischem Lärm auf dem Flur. Vierbettzimmer, sie war allein. Statt Kleid und Schuhe trug sie nur einen Slip und ein langes Krankenhaushemd. Auf dem Nachttisch ein Glas Wasser, zwei Tabletten, ein Zettel.

Sie faltete ihn auseinander und begann sofort zu weinen. Drei Worte.

„Verzeih mir. Leb wohl. Luca.“

Zur selben Zeit stand Luca bereits am Flughafen, Ticket in der Hand, denselben dunkelblauen Brillengläsern auf der Nase, braunen Schlappen an den Füßen, aber jetzt in einem knallroten Hawaiihemd mit Palmen und beigen Shorts. Flug nach Türkei. Mittelmeer. Mädchen.

Die Sache mit Sophie war schon fast vergessen. Er dachte an Sonne, Meer und neue Eroberungen.

Während er wartete, beobachtete er die Familien. Frauen mit Kindern. Da kam ihm die Idee: eine Mutter mit einem Jungen oder Mädchen von acht, neun Jahren. Das Kind könnte das Pulver heimlich in Mamis Glas kippen.

Die Durchsage unterbrach seine Gedanken. Boarding nach Türkei.

Der Flug war ereignislos, bis auf einen nervigen Achtjährigen, der seiner Mutter keine Minute Ruhe gönnte. Nach der Landung landeten sie alle in einem luxuriösen Hotel direkt am Meer.

Am nächsten Morgen besorgte Luca Vitaminkapseln aus dem Hotel-Erste-Hilfe-Kasten, leerte sie, füllte sie mit stark verdünntem Pulver. Kleinere Dosis. Appetit anregen, nicht zum Tier machen.

Gegen Mittag ging er an den Strand. Orangefarbene Badeshorts, Brille, barfuß. Er fand den Jungen aus dem Flugzeug, der im Sand buddelte. Die Mutter lag nur wenige Meter entfernt auf einer Liege im Schatten einer Palme und trank einen tropischen Cocktail.

Luca holte zwei frische Cocktails, ging zu ihr.

„Guten Tag. Darf ich mich setzen?“

„Gerne. Und gleich zum Du, ja? Ich bin Anna.“

„Ich bin Luca.“

Sie war schön. Strohblond, himmelblaue Augen, perfekte Figur. Die Art Frau, an der Männer sich den Hals verrenken, aber keiner sie anzusprechen wagt. Außer Luca.

Abends trafen sie sich im Bankettsaal. Luca kam früh. Als Anna endlich erschien, in einem engen blauen Abendkleid, die Haare kunstvoll hochgesteckt, ein kleiner Fisch-Anhänger am Hals, stockte ihm der Atem.

„Hast du gewartet?“

„Du siehst unglaublich aus.“

Sie tranken Rotwein. In ihrem Glas hatte sich die Kapsel längst aufgelöst.

Der kleine Leon wurde schnell quengelig. Anna versuchte ihn zu beruhigen. Später standen Luca und Anna auf dem Balkon. Sie aß. Schnell. Gierig. Luca redete, beobachtete, genoss.

Als sie kurz wegmusste, um Leon zu bändigen, entdeckte er in ihrer Tasche genau die gleiche Vitamindose, die er selbst benutzt hatte. Er tauschte sie aus. Schnell. Sauber. Ohne Spuren.

Anna kam zurück, entschuldigte sich, sie würden sich morgen wiedersehen.

In den folgenden Tagen sah er weder sie noch den Jungen. Erst eine Woche später hörte er im Flur eine dünne Kinderstimme.

„Mama, nicht weinen. Alles wird gut. Du wirst wieder schlank, versprochen. Ich hör auch immer auf dich…“

Luca schaute durch den Türspalt.

Anna saß mit dem Rücken zu ihm. Die Taille war verschwunden. Der feste Po nur noch Erinnerung. Die Haare strähnig, das Gesicht aufgedunsen. Deutliches Doppelkinn. Die Wangen rund wie nach einer wochenlangen Fressorgie.

Er wollte klopfen. Sich entschuldigen. Irgendetwas sagen.

Aber er blieb stehen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Er hatte etwas Schreckliches getan. Etwas Unverzeihliches.

Trotzdem. Sein Gewissen schwieg.

Luca drehte sich um und ging. In braunen Schlappen, beigen Shorts, dem Hawaiihemd und der runden Brille mit den dunkelblauen Gläsern. Einfach so.

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