Vor den Türen eines respektablen Restaurants stand ein Mann um die Fünfzig. Sein düsteres Gesicht hob sich ab von den jungen, sorglosen Visagen ringsum. Wer genauer hinsah, erkannte sofort: Er hatte keine Übung darin, sich ordentlich zu kleiden oder glatt zu rasieren. Der teure schwarze Anzug und die modischen Lackschuhe wirkten wie angeklebt, getrennt von ihm.
Vielleicht lag es daran, dass die lässige Eleganz des Stoffs gar nicht zu seinem gehetzten Blick passte, zu diesen flackernden, umherirrenden Augen. Man spürte den Unglücklichen auf Anhieb. Blieb nur zu rätseln – was trieb ihn her, in diese extravagante junge Menge, die den Abendfreuden entgegenfieberte.
… Interessant, was diese ganze Meute wohl von mir denkt. Na ja, wahrscheinlich gar nichts – sie umgehen mich einfach, wie ein lebloses Hindernis. Schade eigentlich, verdammt! Würde nur ein Gerücht von meiner famosen Geschichte in diese Horde sickern – ich würde mir ihre Fratzen ansehen!
Bloß jetzt niemandem Bekannten begegnen! Camille kommt bestimmt nicht vor einer halben Stunde. Und Rémi könnte sich beeilen – na ja, sie kommen ja zu zweit… Zu zweit und verspäten sich… Falls sie überhaupt auftauchen.
Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht begann vor der Tür auf und ab zu laufen. Er rempelte Leute an, murmelte Entschuldigungen und weckte das Mitleid des Portiers. Der fragte schließlich mit vertraulich zugekniffenen Augen:
— Verspätet sich Ihre Dame?
— Ich habe einen Tisch für drei reserviert, brummte der Mann und wandte sich ab.
Heute ist unser fünfter Hochzeitstag, Camilles und meiner. Tatsächlich habe ich einen Tisch bestellt. Von all den Tischen, an denen heute Leute sitzen werden, sieht dieser die absurdeste Gesellschaft. Dabei scheint es so einfach – ein familiäres Fest. Frau, Mann und sein Bruder.
Allerdings erinnere ich eher an Camilles Papa, und Rémi – so mittendrin. Sie mit ihren fünfundzwanzig wirkt höchstens wie zwanzig und plant offenbar nicht, älter zu werden. Heute zieht sie wahrscheinlich das goldene Kleid an, das ich ihr aus Österreich mitgebracht habe.
Und all diese hirnlosen jungen Böcke werden Camille anglotzen und sich fragen, wer von uns Brüdern so eine scharfe Braut bumst… Und natürlich kommt keinem die wahnsinnige Situation in den Sinn, die sich wirklich zugetragen hat.
Die Uhrzeiger näherten sich halb acht. Die Schwärme junger Leute vor dem Eingang wurden allmählich in die Restauranttüren gesaugt. Nur der Mann ging nicht hinein. Er trat nur ein Stück beiseite und stellte sich so, dass er die Uhr am Nachbarhaus sehen konnte. Das Leiden in seinem Gesicht trat schärfer hervor.
Sie, das junge Ding um die Zwanzig, wollte sich mir keinesfalls hingeben. Mir, dem Fünfundvierzigjährigen, der vor Sperma und Speichel überlief allein beim Klang ihrer Stimme am Telefon. Ich wusste genau, dass ich ihr als Mann egal war. Also versuchte ich, sie mit unvorstellbaren französischen Düften zu kaufen, mit amerikanischen Schuhen so weich, dass man sie küssen wollte wie Frauenhaut.
Camille konnte solche Geschenke nicht ablehnen. Ihr ganzes Wesen, geschaffen für Luxus in edlen Pelzen und Wohlgerüchen, ihr Körper, der selbst einfache Halbedelsteine zum Leuchten brachte – all das zog das Teuerste, Bequemste an. Gegen Camilles Willen, oder besser, gegen gängige Moralnormen.
Und sie, dankbar das nächste dünne Päckchen mit dem Pariser Seidenkleid an die Brust drückend, blickte es zärtlicher an als mich. Mir bot sie mit scheuem Lächeln die Wange am Eingang ihres Hauses.
Da machte ich ihr den Antrag, mit einem geschlossenen Wildlederetui dabei. Bevor sie antwortete, öffnete Camille es. Drin lag ein feines, ziseliertes Ringlein mit drei Diamanten.
— Ja, sagte sie.
Am Abend nach der Hochzeit, als wir allein im Zimmer waren, schenkte ich ihr ein Nachthemd. Solche, erbeutete, trugen Offiziersfrauen nach dem Sieg als Ballroben ins Theater.
— Der erste Ball der Natascha Rostowa!, rief Camille, schlug die Hände zusammen und rannte barfuß klatschend über das Parkett ins Bad, um das Neue anzuziehen.
„Ich muss ihr schöne Hausschuhe kaufen“, dachte ich ihr hinterher. Während sie sich umzog, erfand ich tausend verführerische Dinge, die ich ihr bald besorgen würde, um ihren Enthusiasmus am Kochen zu halten.
In meiner keuschen Camille steckte kein Funke Scham. Ohne zu erröten ließ sie zu, dass ich das neue Hemd über ihre Brust rollte und meine schamlosen Finger in ihre straffe Jungfräulichkeit tauchte. Mein müder, gequälter kleiner Tier weigerte sich, mir dafür zu dienen.
Camilles Empfindungen wurden mir in dem Moment gleichgültig, obwohl sie sich anspannte und zuckte. Ich schaffte es mit den Händen, meinen unfolgsamen Tier in die für ihn bereite Höhle zu schieben. Und da versagte sie wieder: Kaum begriff ich, dass ich auf ehrliche oder unehrliche Weise, nobel oder nicht, endlich mein Mädchen besaß, da spie der spöttische, entglittene alte Lüstling mein angesammeltes Gut vor der Zeit aus.
Meine klebrige, zähe Essenz überschwemmte das frisch erbrochene Mädchenvaginal und verschmierte sich auf den Pobacken meiner Mädchen-Frau. Während ich mich von dem kurzen Genuss und der Scham erholte, schüttelte Camille mich ab wie ein aufgesetztes Gliederfüßler und rannte, die Knie zusammenkneifend, die schon aneinander glitschten, ins Bad.
— Ach, entschuldige!, drang ihr Stimmchen aus dem Flur.
Sie war mit meinem Bruder Rémi zusammengestoßen, der zur Toilette ging oder an der Tür lauschte.
— Nichts passiert – was soll schon passiert sein!
Die Badezimmertür knallte, Wasser rauschte wütend. Ich dachte mit Missfallen an Rémi: All die Monate, in denen ich Camille umwarb, hatte ich Spuren seiner schafsblöden Blicke auf ihr bemerkt.
Mein Bruder und ich waren immer verschieden. Nicht nur wegen der achtzehn Jahre Altersunterschied. Er wuchs zum Trottel heran, wollte nichts von Uni hören. Und seit er mit dem Kugelstoßen angefangen hat, wird er dieses hochintellektuelle Ding wohl bis ans Lebensende treiben.
Davor flog alles ins Ungewisse, und der Bruder saß mir einfach auf der Tasche. Dieses Jahr hab ich ihn durch Bekannte in die Nationalmannschaft geschoben, also gewinnt er langsam Unabhängigkeit. Ehrlich, ich bin nicht gerade begeistert davon.
… In jener Nacht kam Camille sehr ernst in unser Schlafzimmer zurück. Ich kroch wieder mit meinem Geifer zu ihr, aber sie, den runden Ellenbogen hinter dem Kopf – von meiner Seite aus, klar – schnarchte friedlich ein. Ich kapierte nicht, ob sie simulierte oder nicht.
Die nächste Nacht wartete ich wie den Kalvarienberg. In der Hoffnung, den Akt mit meiner geliebten Frau zu verlängern, goss ich vor dem Bettgehen sechs Gläschen Cognac in mich rein und flößte Camille etwa gleich viel ein.
Danach rührte sie sich gar nicht – spreizte gehorsam die Beine, blieb so. Ich versaute sie wieder hilflos von außen. Dann stemmte ich mich hoch, hoffte, sie sei besinnungslos, aber zu meinem Entsetzen sah ich Camilles Augen weit offen, absolut nüchtern, feindselig, spöttisch.
Mir blieb nur, zurückzuweichen und das Gesicht in den Händen zu verbergen. Wie am Vorabend schnappte sie den Bademantel und rannte, die glitschigen Knie zusammenpressend, ins Bad.
Diesmal vergingen Minuten, bis die Tür knallte und Wasser floss. Und ich hörte im Flur schnelles, vorsichtiges Geflüster. Dann schloss sich fast lautlos (aber wir kennen ja alle die Sprache von Sachen und Türen in unseren Wohnungen) die Tür zu Rémis Zimmer.
Ich lag traurig im Dunkeln, dachte über meine elende Lage nach. Die Zeit stand still. Wasser rauschte monoton weiter, und plötzlich fiel mir ein, Camille weine vielleicht im Bad unter dem Plätschern.
Ich wollte winselnd an der Tür betteln und ging in den Flur. Einfach: Die Badezimmertür stand einen Spalt offen. Ich trat heran, trippelte höflich und steckte die Nase rein.
Camille war nicht im Bad! Auch nicht in der dunklen Küche. Ich ging aus irgendeinem Grund zurück ins Bad und drehte den Hahn zu. In der Stille ertönten neue Laute. Schnell kapierte ich: Das rhythmische Quietschen von Brüderchens Sofa.
Da sprang ich mit einem Satz durch den Korridor und riss die Tür zu seinem Zimmer auf, so dass der Stuhl, mit der Lehne dagegen, zur Heizung flog. Im grünlichen Licht, das mit mir hereindrang, sah ich rechts auf dem Sofa zwei weiße Beine von göttlicher Schönheit, hochgereckt und gestreckt.
Bei meinem Erscheinen zuckten sie und sanken herab. Vom Sofa sprangen meine nackte Frau und mein leiblicher Bruder auf. Der versuchte mit beiden Händen (die reichten nicht) sein sportliches Gerät zu bedecken, das bis zum Nabel ragte.
Ich, alter Trottel, stürzte zu ihnen und zerrte Camille an der Hand vom Sofa auf den blanken Boden zu meinen Füßen.
— Ihr… ihr…, keuchte ich, dann zischte ich das erste Wort, das mir einfiel: Viecher!..
— Und du selbst!, brüllte Rémi, geschickt mit einem Kissen zugedeckt.
— Bringst die Frau zum Quietschen, besudelst sie und – pennst ein?! Und sie – was?!
Seine Argumente wogen so schwer, dass mir nur blieb, zu verschwinden. Da kam die Frau mir in die Kammer nach. Sie heulte, wie es sich gehört:
— Du wirfst mich raus? Du wirfst uns jetzt raus? Aber ich konnte nicht, konnte einfach nicht so bleiben! Stell dir vor – alles gefüllt und offen und – so gelassen! Das hält kein Mensch aus!
Sie verschluckte sich.
— Bist du wenigstens einmal gekommen?, fragte ich.
Sie hörte schlagartig auf zu schluchzen und sank verblüfft auf den Stuhl.
— Ja…, presste sie heraus.
In mir erloschen alle Gefühle bis auf einen Schmerz: Sie nicht loslassen! Jetzt halten! Und ich fiel vor ihr auf die Knie:
— Tu, was du willst, nur verlass mich nicht! Du bist mein Letztes… Ohne dich…
Ich wusste, Worte brauchten Taten. Am Morgen wühlte ich im Familiengerümpel einen luftigen Chrysolith-Anhänger in Goldfassung hervor, der meiner Großmutter gehört hatte. Mutter hatte mir eingeschärft, das Kleinod nie aus der Familie zu geben.
Aber ich durfte Camille an jenem Tag nicht unbesänftigt auf die Straße lassen. Ich fürchtete panisch, sie käme nicht zurück.
Camille kam zurück. Sie kehrte jeden Abend in mein Bett zurück. Und nach meinen allabendlichen Versuchen, mein halbohnmächtiges Glück zu dehnen, dessen Rekord eine halbe Minute nicht überschritt, stürmte sie, die Wohnung mit Stöhnen erfüllend, ohne sich zu verbergen, in Brüderchens Zimmer.
Eine Minute später drangen ihre Schreie der Erleichterung herüber. Und ich, Kopf unter dem Kissen, dachte, ohne Rémi in der Nebenkammer hielte kein Geschenk Camille…
Es kam der Tag, da ich meinen Rekord um eine Minute brach. Ich triumphierte schon: Camille, Augen verdreht, warf sich auf dem Kissen hin und her, stöhnte verhalten, krallte scharfe Nägel in meine Schultern. Ihr Hinterteil tanzte über das Laken.
Doch als sie wie im Todeskampf zu keuchen begann, floss mein ewig verfrühter Strom in sie. Und mein Tier erschlaffte, starb.
Camille schüttelte mich hysterisch:
— Na! Na!
Ich wandte den Blick ab, sie ruckte angewidert zur Seite und rief mit wilder Stimme:
— Rémi! Rémi!
Aus dem Flur drang Getrampel (wartete er, wichste er dabei?). Und auf der Schwelle erschien Rémi. Ich flog zur Wand, und Camille streckte ihm mit gequältem Röcheln alle vier Glieder entgegen.
Sie umfing ihn damit, als er – mich gar nicht beachtend, armer Kerl, hatte anderes im Sinn – sich auf sie warf. Camilles Gesicht verzerrte sich bis zur Unkenntlichkeit, sie fletschte die Zähne und knurrte raubtierhaft hindurch.
Schweiß rann übers Gesicht, klebte die herabgefallenen Haare zusammen… Ich wandte den Blick zum Bruder, aber er drehte sich weg. Und ich sah nichts als seinen muskulösen Arsch und die kräftigen, schwarzbehaarten Knie, mit denen er ihre willigen Schenkel hochschob.
Sie zuckten ein letztes Mal, und Camille, Hände von Brüderchens Schultern nehmend, bedeckte das Gesicht mit den Handflächen. Zwischen den Fingern quollen Tränen. Sie bebte am ganzen Leib.
Ich versuchte sanft, die Hände wegzuziehen, aber sie schrie wortlos und stieß mich weg. Mein Bruder saß auf dem Bett und beobachtete besorgt die Szene.
— Hol Wasser, Idiot!, brüllte ich ihn an.
Er brachte eine Tasse und stützte Camille, während ich sie tränkte. Nach dem Trinken fiel sie rücklings hin. Ich winkte dem Bruder, zu verschwinden, aber Camille zog ihn an den Händen zu sich. Und er folgte wie ein Kalb am Strick.
— Licht aus… Schneidet in die Augen…, flüsterte sie gebrochen.
Und ich gehorchte sofort. Sie legte meine Hand auf ihren pelzigen Schamhügel, und selbst hielt sie Brüderchens Hand mit beiden auf ihrer Brust.
Die durchlittenen Schocks waren zu viel für mich. Der Körper brauchte wohl Abschaltung. Ich fiel schnell irgendwohin.
Ich wachte vor ihnen auf. Wir lagen alle unter einer Doppeldecke. Ich war an die Wand gedrückt, meine Frau, zu einem warmen Knäuel gerollt, schlief mit dem Rücken zu mir. Nase in Rémis Schulter gedrückt.
Er schnarchte musikalisch, Mund offen, Kopf zurückgeworfen. Ich schüttelte mich vor schmerzendem Lachen.
Und so legen wir uns jeden Tag in ein Bett. Ich habe das erste Wort. Wenn ich aussetze, und das passiert blitzschnell, vollendet mein Bruder den Rest.
Ja, bei ihm läuft’s bergauf. Kürzlich hat die Mannschaft ihm eine Zweizimmerwohnung zugeteilt, heute gab’s den Bescheid. Deshalb hab ich diesen Tisch für drei bestellt, um unseren seltsamen Bund auf eigene Art zu feiern und seinen Bescheid zu begießen…
Nur dass Camille und Rémi wahrscheinlich gerade fröhlich Sachen in seine Wohnung schleppen. Freuen sich, endlich den alten impotenten Satyr los zu sein… Also geh ich besser, die Leute gucken schon schief…
Der Mann trat mit dem Lackschuh gegen den nächsten Mülleimer und ging ohne Umschauen davon. Im selben Moment bremste ein Taxi vor dem Restaurant. Heraus sprang ein Mädchen in etwas Goldenem, mit ihr ein junger Mann in buntem Pullover.
— Da ist er!, rief sie dem Freund zu.
— Da! Louis!
Der Mann drehte sich um, sah sie und rannte ihnen entgegen. Als er ankam, begann das Mädchen schnell auf ihn einzureden. Schmollte süß die Lippen und tippte ab und zu mit der Handfläche an seinen Jackenaufschlag.
Dann hakte sie sich bei beiden Begleitern unter. Und alle drei, lachend und plaudernd, gingen eilig zum Restaurant.


