Es gibt bei uns auf den Straßen so viele schöne Mädchen. Ein Jammer nur – man weiß nie, wie man mit ihnen ins Gespräch kommt. Nicht jedem, zum Beispiel, widerfährt das Glück, in einer finsteren Gasse ein hübsches Ding zu treffen, das von betrunkenen Rowdys belästigt wird, um dann die Kerle zu verjagen und sich bescheiden als Begleiter anzubieten.
Meistens muss man selbst das Mädel in einer dunklen Ecke in die Enge treiben und vorschlagen, sagen wir, ihre schwere Tasche zu tragen. Häufiger endet das mit einer Abfuhr in Form von schweren Verletzungen durch ebendiese Tasche.
Frauen mögen es aus irgendwelchen Gründen nicht, wenn fremde Typen sie auf der Straße ansprechen. Obwohl, ich kapier’s nicht, was daran so schlimm sein soll? Schlimmer wird’s, wenn sie aufhören, dich anzumachen und dich zu beachten, dann kannst du dich wirklich ärgern.
So grübelte Baptiste, während er der Duftspur einer schlanken, dunkelhaarigen Schönheit mit grell geschminkten Lippen folgte. Sie war ganz in Schwarz gekleidet: schwarze High Heels, ein kurzer schwarzer Rock und eine glänzende schwarze Jacke.
Was ihn an ihr fesselte, war auch ihr Gang. Diese unvollendeten Bewegungen trugen eine unbeschreibliche Anmut in sich, als wüssten Arme und Beine instinktiv, dass sie bei einer so zerbrechlichen, zarten Herrin nicht allzu frei schalten und walten durften.
Vor ein paar Minuten hatte man das Mädchen aus einem teuren Wagen direkt vor seiner Nase aussteigen lassen. Er hatte gerade noch vor Bewunderung ausgeatmet, versuchte aber sofort, seinen aufgewühlten Verstand zu beruhigen.
Wenn du einen Luxusschlitten siehst, fing er an zu überlegen, aus dem eine atemberaubende Frau mit langen Beinen steigt, in den neuesten Klamotten, dann denk einfach: „Die sitzt auch irgendwem in der Leber!“
Aber in diesem Fall wirkte dieser todsichere Spruch gegen das ganze weibliche Geschlecht nicht. Hinter diesem kleinen Wunder an Sinnlichkeit herzulaufen, war die Hölle.
Es wurde klar, dass sie ihn mit ihrem Wiegen und ihrem Aussehen reizte, ja, vielleicht sogar über ihn lachte, indem sie seinen inneren Jäger weckte, der bei Sicht einer Beute um jeden Preis Besitz ergreifen will.
Baptiste spürte einen weiteren Anfall von todesverachtender Leidenschaft, traute sich aber nicht, sie einzuholen und anzusprechen. Was konnte er ihr schon bieten, außer leeren Taschen und ebenso leerem Geschwätz?
Plötzlich blieb das Mädchen stehen, drehte sich zu Baptiste um und fragte mit einer süßen Stimme, ob er wisse, wo hier in der Nähe die psychologische Fakultät sei.
—Sind Sie etwa Psychologin?, fragte er stattdessen, total überrumpelt.
—Nein, ich bereite mich nur darauf vor, antwortete sie gelassen. Allerdings kann ich Ihren psychischen Zustand auch so schon beschreiben.
—Ach ja? Und was für einen Zustand hab ich?
—Den eines Mannes, der brennend gern ein Mädchen kennenlernen will, aber nicht weiß, wie.
—Unglaublich, Sie haben’s erfasst, lachte Baptiste. Übrigens, wie heißen Sie eigentlich?
—Camille. Genauer gesagt, Schwarze Camille.
—Ha-ha-ha, lachte Baptiste nervös, entschuldigen Sie, ich hab’s nicht verstanden. Sie heißen Camille?
—Ja. Aber man nennt mich auch Schwarze Camille.
—Was soll das bedeuten?, fragte er verwirrt. Das Wortspiel „Schwarze Camille“ passte verblüffend zu ihrem ganzen Erscheinungsbild und weckte in ihm endgültig Neugier.
—Es bedeutet, dass ich eine Anhängerin der schwarzen Liebe bin, erklärte sie, als wäre es das Normalste der Welt.
—Und was ist schwarze Liebe?
Das Mädchen musterte ihn aufmerksam, fast abschätzend.
—Interessiert Sie das wirklich?, fragte sie schließlich.
—Ich sterbe vor Neugier, antwortete er und merkte, wie er vor Aufregung fast durchdrehte.
—Gut, Sie werden es erfahren. Kommen Sie heute Abend um elf Uhr in die Gasse, Haus elf, Wohnung sechs.
So direkt hatte ihn noch nie eine abgeschleppt. Wahrscheinlich dachte sie, er könnte sie bezahlen. Um das Missverständnis gleich zu klären, gestand Baptiste ehrlich:
—Verstehen Sie, mit Geld sieht’s bei mir gerade mau aus, und ich…
—Umso besser, unterbrach sie ihn, vielleicht haben Sie die Chance, welches zu verdienen.
—Verdienen?!, staunte er. Sie bieten mir Geld für Liebe?
—Was ist daran ungewöhnlich?
—Aber Sie sind so schön.
—Lehnen Sie ab?
—Nein, aber ich wäre auch umsonst einverstanden.
An dieser Stelle senkte Baptiste den Blick und wurde rot.
—Gut, wir sehen weiter, kicherte sie, dann fragte sie streng: Kommen Sie also definitiv?
—Komme, bestätigte er, nicht ganz sicher.
—Na dann, bis später, und verwechseln Sie’s nicht: Haus elf, Wohnung sechs…
Mit diesen Worten verschwand sie hinter den Flügeln einer großen Holztür mit Glasscheiben, die Baptiste ihr galant aufhielt.
Er ließ die Tür los, und sie schlug mit einem dumpfen Knall zu, wobei die Scheiben klirrten. „Psychologische Fakultät“, las er auf dem Schild an der Backsteinwand daneben. Er hatte gar nicht gemerkt, wie er sie bis zur Tür der Psychofakultät begleitet hatte.
Bis zum Abend quälten Baptiste Zweifel. Einerseits konnte er in eine üble Geschichte geraten, andererseits ein unvergessliches Liebesabenteuer verpassen und sich ewig Vorwürfe machen.
Schließlich winkte er ab und entschied: Wenn ihm was passiert, dann gilt er halt als weiterer Freiwilliger, der auf dem Schlachtfeld der Liebe gefallen ist.
Zur vereinbarten Stunde trat Baptiste von der Straße in den Torbogen von Haus elf in der Gasse und sah mitten im Durchgang eine Tür. Er zögerte kurz am Eingang, dann schritt er in die Dunkelheit eines lange nicht renovierten, schmutzigen Treppenhauses.
Zu allem bereit, zog er sogar den Kopf ein bisschen ein, als erwarte er einen Schlag. Aber das Haus begrüßte ihn nur mit scharfem Katzenpissgestank und gedämpftem Klappern von Küchengeräten hinter den Wänden.
Mit einem Ziehen im Unterleib stieg er eine Treppe hoch, auf der jemand in großen Buchstaben hingeschmiert hatte: „Müde? Ruh dich aus!“, und landete auf einem Absatz mit vier Türen.
Alle vier Türen unterschieden sich stark voneinander. Besonders fiel eine schwarze Stahltür ohne Nummer auf. Sie schien neu eingebaut.
Die Tür zur Nachbarwohnung hatte auch keine Nummer. Außerdem war ihre Außenseite total verkohlt, als hätte jemand sie absichtlich angezündet. Die beiden anderen Türen trugen die Nummern sechs und gleich acht.
An der mit der Sechs klingelte Baptiste. Eine oder zwei Minuten verstrichen, aber niemand reagierte. Er lauschte auf Geräusche drinnen, doch es war still.
Dann klopfte er, und plötzlich stellte sich heraus, dass die Tür nicht verschlossen war. Den Kopf wieder eingezogen wie beim Betreten des Hauses, trat Baptiste in die vollkommene Finsternis des Flurs von Wohnung sechs.
Als er merkte, dass ihn niemand sofort eins über den Schädel ziehen wollte, tastete er sich vorsichtig vorwärts, um nicht zu stolpern. Bald bemerkte er den Schein einer Kerze und undeutliche Schatten am Ende des dunklen Gangs.
Der Flur mündete in ein weit offenes Klo, wo im flackernden Kerzenlicht Baptiste eine bizarre, ja total bescheuerte Szene vorfand.
Drei vertrocknete Omas in bunten Kleidern, eine davon mit der Kerze über dem Klo, und ein uralter Opa in Trainingshosen mit herabgerutschten Hosenträgern starrten mit echter Hingabe in die Tiefe der Schüssel.
—Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo ich Camille finde?, fragte Baptiste vorsichtig.
Die Alten zuckten zusammen und glotzten ihn an. Die Oma mit der Kerze bekreuzigte sich sogar, erkannte aber, dass kein Teufel, sondern ein junger Mann vor ihr stand, und zischte zahnlos und giftig:
—Wieder so ein Suffkumpan zu dieser Nutte!
Der Opa schaute die Oma streng an, winkte dann in Richtung Ausgang und sagte versöhnlich:
—Du musst in die Acht, Junge, in die Acht. Hast dich vertan.
—Warum in die Acht?, fragte der junge Mann verdutzt. Ich brauche die Sechs, also genau diese Wohnung.
—Hab ich’s nicht gesagt, murmelte die Oma mit der Kerze boshaft sarkastisch, heutzutage sind die Zeiten so, dass man Krieg erklären und alle abknallen sollte, besonders die Jungen…
Der Opa schaute sie wieder streng an, und sie biss sich auf die Zunge.
—Das ist die Neun, sagte er zu Baptiste gewandt, keine Sechs, du hast dich vertan. Geh, stör nicht.
Baptiste kapierte, dass er was durcheinandergebracht hatte, obwohl er sich sicher erinnerte, in die Wohnung mit der Sechs eingetreten zu sein.
—Kann ich Ihnen vielleicht helfen?, entschied er schließlich, um das Vertrauen der Alten zu gewinnen und dann alles zu klären.
—Verstehst du was von Klos?
—Was ist denn passiert?
—Weißt du, Junge, ich geh aufs Klo, und wie ich an dem Seil zieh, geht das Licht in der ganzen Wohnung aus.
Endlich verstand Baptiste. Er lachte herzlich, stellte sich das verrückte Zusammentreffen vor: Wie der Opa am Seil zieht und genau dann die Sicherung rausfliegt.
Er bat um einen Hocker und beseitigte den Defekt in fünf Minuten. Als das Licht in der ganzen Wohnung anging, stürmten die Alten auf Baptiste zu und bedankten sich überschwänglich.
—Sagt mir lieber, welche Wohnung das ist und wo ich Camille finde, fragte er sie.
—Ganz einfach, begann eine der Omas mit grauem Bärtchen zu erklären, vor fünfzig Jahren, als die Geheimpolizei wieder mal Mieter aus dieser Wohnung holte, ist bei dem Gehämmer die Nummer von der Tür abgefallen. Die Neun ist zur Sechs umgedreht. Wir haben’s nicht korrigiert, und seitdem hat man aus dieser Wohnung niemanden mehr geholt. Seither leben wir unter der glücklichen Neun.
—Und wenn du Camille suchst, mischte sich die Oma mit dem rauchenden Kerzenstummel ein, dann in die Acht, in die Acht, da wohnt deine Camille. Nur ist sie heute wieder hackevoll. Wozu brauchst du sie?
—Ach, ich hab was mit ihr zu besprechen.
Mit diesen Worten steuerte Baptiste auf die Tür zu. Auf dem Treppenabsatz wartete er, bis die Tür hinter den neugierigen Alten zufiel, und klingelte an der Nachbartür mit der Acht.
Nach dem dritten Klingeln rasselte das Schloss, und im Türrahmen erschien das aufgedunsene Gesicht einer halb angezogenen Frau. Offenbar hatte sie sich hastig zurechtgemacht und sogar versucht, die Lippen zu schminken, aber danebengegriffen, sodass der ganze Mund auf ihrer rechten Wange landete.
—Wohnt hier Camille?, fragte Baptiste und wich vor dem Fuselgestank zurück.
—Komm rein, ja, hier, lallte die Frau mit einem Hicks und tappte in die Wohnung, aus der das herzzerreißende Gebrüll eines Babys drang.
Baptiste folgte ihr. Vielleicht ist das ihre Mutter, schoss es ihm durch den Kopf.
Die Frau führte ihn in eine Küche, die kreuz und quer mit gewaschenen Windeln behängt war, wo direkt auf dem Tisch neben einer halb leeren Wodkaflasche und Essensresten ein schreiendes Baby lag.
Sie plumpste auf einen Hocker am Tisch und goss Wodka in zwei fettverschmierte Gläser.
—Nein danke, ich trink nicht, winkte Baptiste ab und versuchte, das Kind zu übertönen. Warum weint das Kind?
—Hat sich wohl eingenässt?, antwortete sie ungerührt, stieß mit seinem Glas an und kippte ihres runter.
—Dann wechseln Sie die Windel, sagte Baptiste, aber als die Mutter nicht mal mit der Wimper zuckte, nahm er das Kind selbst hoch.
—Wozu?, zuckte sie die Schultern. Die pisst sie gleich wieder voll. Das Biest pinkelt viel mehr, als ich ihr zu trinken geb.
Baptiste zog dem Mädchen inzwischen trockene Höschen an, die direkt an der Leine hingen.
—Und scheißt tut sie, murmelte die Mutter weiter vor sich hin, mit Zeug, das ich ihr gar nicht gefüttert hab. Vaterloses Pack!
Als es die warme, trockene Stoff spürte, beruhigte sich das Kind sofort, streckte die Ärmchen nach Baptiste aus, lächelte und brabbelte etwas in seiner nur ihm verständlichen Babysprache.
Armes Ding! dachte Baptiste. Gottlob wird sie, wenn sie groß ist, all den Horror ihrer jetzigen Lage nie erinnern. Sie wird auch ihre seltsame Sprache vergessen, um die der Erwachsenen zu sprechen. Wird man sie deswegen besser verstehen?
Vorsichtig legte er das Mädchen zurück auf den Tisch.
—Hat’s Maul gehalten, freute sich die Frau. Danke, Junge. Weiß nicht, womit ich’s dir vergelten soll. Kohle hab ich keine. Nur in Naturalien kann ich zahlen. Aber wer will schon so ’ne Natur?
—Sagen Sie mir lieber, wo ich Camille finde.
—Camille, sinnierte die betrunkene Frau, Camille… Na, ich bin Camille. Und?
Und sie zupfte an ihrem hochgerutschten Rock, zog ihn nicht runter, sondern noch höher, enthüllte mehr von ihren geschwollenen, blaugefleckten Beinen.
—Nein, Sie sind nicht die Camille, stellte Baptiste bedauernd fest. Passen Sie besser auf Ihr Kind auf und trinken Sie nicht mehr.
—Mach ich nicht mehr. Oder komm, du stößt mich mal, schlug sie plötzlich ganz cool vor.
Baptiste war baff, schaute mitleidig auf ihr ramponiertes Gesicht, wie ein Apfel vom Boden des Kastens, auf die Reste ihrer verblassten Figur. Da war fast nichts mehr, womit man schlafen wollte.
—Nein danke, ich hab’s eilig, sagte er und verließ die Küche.
—Na, dein Pech, nahm sie’s nicht krumm, nahm ihr Glas und stieß mit sich selbst an, dann trink ich auf die Gesundheit meiner Kleinen…
Aber das sah Baptiste schon nicht mehr, er stand wieder auf dem Treppenabsatz und überlegte, was nun. Vor ihm waren zwei unerforschte Türen. Die verkohlte und die mit Stahl verkleidete.
Na gut, entschied er, gehen wir der Reihe nach weiter, mal sehen. Da bemerkte er, dass die verbrannte Tür einen Spalt offen stand, und klopfte vorsichtig. Keine Antwort.
Baptiste drückte sie auf und trat ein. Der Anblick war nichts für schwache Nerven. Bei total fehlendem Mobiliar und abgerissenen Tapeten waren alle Wände mit getrocknetem Blut und irgendwas Braunem verschmiert.
Am Ende des Flurs spürte er, dass jemand leise hinter ihm herschlich. Er wirbelte herum und hatte direkt vor der Nase eine dreckige, furchterregende Gestalt mit dicker Brille, durch die kleine, böse Augen funkelten. Die Gestalt hielt einen grob behauenen Knüppel mit riesigen Nägeln am Ende.
—Was, flüsterte er mit irrem Augenzwinkern, wieder da, um mir die Wohnung wegzunehmen? Kommt nicht infrage. Lebend kommst du hier nicht raus.
Und er hob seine Nagelkeule.
Baptiste dachte nicht lange nach. Er zog aus der Innentasche seiner Jacke einen Stift und einen Block und sagte mit tödlicher Ruhe:
—Sozialhilfeverein für Bedürftige und Behinderte. Brauchen Sie Hilfe?
—Jaja, ich brauch Hilfe, grinste der Irre furchterregend, erweisen Sie mir Dienst Nummer zweihundertzwanzig.
—Gut, machen wir, sagte Baptiste und schob sich seitwärts Richtung Ausgang. Nur erklären Sie mir, was Dienst Nummer zweihundertzwanzig ist?
—Ein bisschen mehr als Dienst Klasse A, antwortete der Verrückte und stellte sich vorsorglich dazwischen, schnitt ihm den Rückzug ab.
—Und was ist Dienst Klasse A?, fragte Baptiste, lauernd auf jede Bewegung.
—Was schon, lachte der Wahnsinnige frech, das Minimum.
—Gut, wir können auch Maximum bieten, versuchte Baptiste, in den Irrsinn einzusteigen.
—Wollt ihr mir Neuner anbieten?
—Ist das schlecht?
—Probier’s selbst aus, höhnte der Irre.
—Na, ist’s nun gut oder schlecht?
—Schlecht. Sehr schlecht.
—Was ist dann gut für Sie?
—Was schon, Dreier natürlich…
Nur seine tolle Reaktion rettete Baptiste. Er sprang gerade noch zurück, als die fiesen Stacheln fünf Zentimeter vor seinem Bauch vorbeisausten.
Der Schlag war so wuchtig, dass der Nagelkopf die falsche Wand durchbohrte und stecken blieb. Baptiste nutzte das, trat dem Irren die Keule aus der Hand und schleuderte ihn gegen die Wand.
—Nicht schlagen!, schrie der Verrückte, als wäre er plötzlich nüchtern. Ich weiß selbst nicht, was ich tu. Bin total am Arsch – lach grundlos, scheiß überall hin. Was suchst du hier?
—Ich such eigentlich Wohnung sechs, keuchte Baptiste.
—Die Eisentür nebenan gesehen? Das ist sie. Aber pass auf mit denen. Verdächtige Bude, obwohl Nummer sechs…, seine Augen glühten unheilvoll, aber da passieren Dinge genau dreimal sechs.
Baptiste wich seitwärts zum Ausgang. Und der Irre steigerte sich immer mehr.
—… pass auf, wenn sie dir Dienst zweihundertzwanzig anbieten, sag auf keinen Fall ja, zieh eine Einheit ab, dann überlebst du vielleicht… und wenn Maximum, dann ist’s ganz aus…
Die letzten Worte hörte Baptiste schon auf dem Absatz hinter der zugefallenen Tür. Mit zitternder Hand drückte er den Klingelknopf der letzten unerforschten schwarzen Tür auf diesem Stock.
Lautlos und geschmeidig ging sie auf. Da stand sie. Baptiste zog’s wieder im Unterleib zusammen.
—Wo bleibst du denn?, fragte das Mädchen unzufrieden und zog ihn in einen halbdunklen Flur, der mit Spiegeln und rotem Holz prunkvoll ausgestattet war.
—Ich…
—Jetzt halt den Mund. Willst du immer noch wissen, was schwarze Liebe ist?, fragte sie mit intimer, leiser Stimme und legte ihre heiße, leichte Hand auf seine Schulter.
—Ja, krächzte er vor Erregung.
—Dann erlaub, dass ich dir die Augen verbinde.
—Wozu?!
—Hast du Angst vor mir?, fragte sie ungeduldig, mit einem Hauch Verachtung in den Augen.
—Bind zu!, winkte er tollkühn ab.
Sie schaute ihn respektvoll an und strich ihm sogar über die Wange.
—Du bist gut. Solche mag ich, sagte sie, kickte ihre Schuhe weg und rollte elegant ihre schwarzen Strümpfe herunter.
Baptiste versuchte ungeschickt, sie zu umarmen, aber sie schob ihn sanft weg.
—Wart’s ab, nicht jetzt. Dreh dich um.
Sie faltete die Strümpfe doppelt, warf sie ihm um den Hals und zog leicht zu. Baptiste griff panisch nach der Schlinge.
Sie lachte fröhlich, ließ los und hob die Strümpfe zu seinen Augen. Er sah nichts mehr, dafür roch er den unbeschreiblichen Duft ihrer Füße.
Sie knotete die lichtundurchlässige Binde fest, nahm ihn zärtlich am Daumen und führte ihn irgendwohin. Ab und zu stieß er blind gegen Ecken und Wände.
Schließlich hielt sie an, und er spürte einen leichten Luftzug. Er tastete nach Wänden, aber sie schienen weit weg.
Seltsame Musik setzte ein, ohne Melodie, aber mit klarem Rhythmus ungewöhnlicher Schlaginstrumente. Baptiste fühlte, wie sie mit leichter, geübter Bewegung seinen Ledergürtel öffnete…
Hier möchte man innehalten. Habt ihr euch nie gefragt, warum in Büchern oder Filmen, sobald es zur Liebesszene kommt, die Handlung meist am spannendsten Punkt abbricht und gleich der Morgen anbricht, mit Helden, die sich genüsslich recken?
Ganz einfach. Zu riskant für Autoren, das banal oder vulgär zu beschreiben. Aber als Mutiger versuch ich’s mal, sagen wir so:
Weiche, geschickte Hände strichen über ihn von Kopf bis Fuß, dann spürte er Feuchtigkeit in diesen Händen, ein herber, ungewöhnlicher Duft stieg ihm in die Nase.
Für einen Moment schien es Baptiste, als würden die Hände mehr, und alle rieben diese seltsame Flüssigkeit in ihn ein. Ein leichter Schauer durchlief seinen Körper, verflog schnell, und die Haut begann leicht zu brennen, Blut pochte in den Schläfen.
Er fühlte ungeheure Kraft in sich, die Erregung überschritt alle Grenzen. Und dann sah er einen grellbunten, wahnsinnigen Traum…
Die spanische Festungsstadt, die sie seit drei Tagen zu erobern versuchten, war gefallen. Vor einer Stunde hatte Buonaparte selbst ihn, Leutnant De Pasquale, zu sich gerufen und gesagt:
—Leutnant, die Truppen können nicht ewig stillstehen. Deshalb verleihe ich Ihnen zwei Ränge: Den eines Gemeinen, falls die Stadt in einer Stunde nicht eingenommen ist, und den eines Generals, falls der Widerstand gebrochen wird.
Eine Stunde später hatte General De Pasquale die Festung genommen. Durch die von Kanonen zertrümmerte Mauer stürmten wutentbrannte Soldaten, die Rache für gefallene und verwundete Kameraden suchten, in die engen Gassen.
Obwohl die männlichen Verteidiger nicht mehr kämpften, wurden sie vor Ort mit Bajonetten erstochen. Frauen vergewaltigte man zuerst und tötete sie dann, oder, falls sie hübsch genug waren, nahm man sie für den Tross mit.
Er hatte sich nie an sinnlosen Morden beteiligt. Aber die Verfügbarkeit jeder Frau in der Stadt berauschte stärker als Blut.
Durch die schmalen Gassen fand er schnell den Weg zum Zentrum, wo die Kirche aufragte. Seine Soldaten hatten schon das Hauptportal aufgebrochen und drangen ein, wo eine weinende, betende Menge von Frauen und Kindern Schutz suchte.
Er sah sie sofort in der panischen Menge. Sie stand hinter dem Priester und starrte entsetzt auf das Geschehen. Ein mageres Mädchen, fast noch Kind, mit schwarzen Haaren, bodenlosen Augen und von Tränen geschwollenen Lippen.
Ohne auf die zu ihm gerichteten Flehrufe und Bitten um Gnade zu achten, stürmte er zu ihr. Der Priester versuchte, das Mädchen zu retten, und umklammerte ihre Hand.
Ohne zu zögern, schwang der Offizier sein Säbel, und die abgetrennte Hand des Priesters fiel, rauchendes Blut verspritzend, auf den Steinboden. Er packte das blutbesudelte Mädchen an den Haaren und schleifte es fast zur Plaza vor dem Tempel.
Mitten auf dem Platz riss er ihre Kleider bis zur Taille auf, hob sie hoch, wobei sie unwillkürlich ihre Beine um seine Hüften schlang. Und dann kam alles: ihr leises Stöhnen, der Geruch ihres unschuldigen Blutes, Urins und schweißnassen Körpers.
Dieses schöne, dunkelhäutige Wesen, in das er sich hineindrängte, darin auflöste, mit Verstand und Fleisch verschmolz.
Und dieses schwankende kleine Muttermal auf ihrer Schulter. Es war jene einzigartige Besonderheit, die nur ihr auf der ganzen Erde gehörte, die ihr das Recht auf Unsterblichkeit gab in diesem endlosen Kreislauf von Gewalt, neuer Geburt und folgendem Tod.
Und darüber spannte sich ein blutroter Himmel vom Feuer. Plötzlich begann es ihn zu schütteln. Die Stadt, die Menge auf dem Platz und der brennende Himmel zerbrachen, fielen in Stücken in die schwarze Unterwelt.
Für einen Moment verdunkelte sich sein Bewusstsein und fiel kraftlos in den lockenden Abgrund…
… Baptiste spürte unter sich die weiche Fläche eines dicken Teppichs. Er kam zu sich. Plötzlich hörte er jemanden begeistert „Bravo“ rufen, gefolgt von tosendem Applaus.
Verblüfft und benommen zerrte er mehrmals ungeschickt an der festen Binde, beim dritten Mal schaffte er’s.
Vor sich sah er einen kleinen Saal, gefüllt mit elegant gekleideten Männern und Frauen an Tischen mit allerlei Speisen und Getränken. Einige hielten Videokameras.
Klatschend verschlangen sie mit Blicken die erhöhte Bühne, beleuchtet von grellen, rötlichen Scheinwerfern. Auf dieser Bühne fand er sich wieder, splitternackt auf allen Vieren, und neben ihm saß ein zerzaustes, nacktes Mädchen, das ihn mit einer Mischung aus Grauen und Interesse anstarrte.
Es war sie – Schwarze Camille. Das Einzige, was er noch wahrnahm, bevor er aufsprang und floh, war ein kleines Muttermal auf ihrem fein geformten Schulterchen.
Wie er sich anzog und nach Hause kam, wusste Baptiste nicht mehr. Er fiel in einen totenähnlichen Schlaf, sobald sein Kopf das Kissen berührte.
Am Morgen ließ nur eine Sache glauben, dass alles Gestern kein irrer Traum gewesen war – dreihundert Dollar in der Gesäßtasche seiner Hose.


